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Rezension: Sachbuch : Bleib weg von mir, der dir nicht helfen kann

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Vom Märtyrer der deutschen Geschichte und von der Monokultur des schwarzen T-Shirts: Drei Werke zu Heiner Müller / Von Lothar Müller

          8 Min.

          Den Zyniker und Einzelgänger Heiner Müller gab es nur als Gerücht zu Lebzeiten. Kaum war er tot, wurde er kenntlich als der gute Mensch vom Schiffbauerdamm. In der Physiognomie des stoischen Zigarrenrauchers traten die Züge des geselligen Weisen hervor. Die chinesisch getönte Freundlichkeit, wie sie der späte Brecht entworfen hatte, warf die Maske der Ironie ab, hinter der sie sich nur zum Schein verborgen hatte.

          In der späten DDR und in den ersten Jahren des wiedervereinigten Deutschlands muß Heiner Müller für viele so etwas wie das östliche Pendant zu jenem Typus des charismatischen Künstlers gewesen sein, den im rheinischen Westen der Bundesrepublik in den siebziger und frühen achtziger Jahren Joseph Beuys verkörpert hatte. Im Theater, dessen Prinzipal er gewesen war, wurde der Schlachtenbeschwörer mit einem Lesemarathon geehrt. Die über Wochen sich erstreckenden Trauerfeierlichkeiten erreichten die Dimensionen eines Staatsbegräbnisses. Heiner Müller selbst war vor seinem Tod immer kleiner und als Autor immer schlanker geworden. Das Mißverhältnis zwischen den monumentalisierenden Ritualen der unermüdlichen Trauergemeinde und dem betont unaufgeregten Verschwinden des Toten war am Ende unübersehbar.

          Der Prachtband "Heiner Müller 1929 bis 1995. Bilder eines Lebens" wiegt etwa vier Kilogramm, enthält über siebenhundert Abbildungen und spricht von sich selbst stolz als von einem "opulenten Werk". Das ist es auch. Es ist eine voluminöse Grabplatte aus Porträtserien, Probenfotos und Bilddokumentationen zu den Inszenierungen von Müllers Stücken. Mit auftrumpfendem Superlativ versammelt es "die renommiertesten Fotografen Deutschlands" und läßt keinen Kontaktabzug aus.

          Kleinformatiger, schmaler, kaleidoskopartiger, hätte daraus der Versuch eines montierten Romans werden können, die Erinnerung an das wie aus der Weimarer Republik überkommene Gesicht des jungen Mannes; an das allmähliche Aussterben der Hemden zugunsten der Monokultur des schwarzen T-Shirts; an den Touristen in Delphi und den Redner am 4. November 1989; an das Gestenrepertoire des Schauspielers seiner selbst. So aber, selbstverliebt in die schiere Fülle des Materials, ist das Ungetüm nur die wenig geschmackvolle Inszenierung einer "Kultfigur".

          Heiner Müller zitierte gern Max Liebermanns Formel "Zeichnen heißt weglassen". Sein letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Text umfaßt knapp zwei Seiten. Er trägt den Titel "Traumtext" und entwirft das Bild einer ebenso unerträglichen wie ausweglosen Kreisbewegung. Ein "Ich", das seine zweijährige Tochter in einem Bambuskorb auf dem Rücken trägt, umrundet ein riesiges, grundloses Wasserbecken und hat dabei nur die Wahl, welche Laufrichtung es einschlägt. Jenseits des Kessels, der weder Innehalten noch Entkommen erlaubt, sieht der ganz auf die Sicherung des Kindes im Korb bedachte Geher einen Mann auf der Terrasse eines Hochhauses in einem Liegestuhl sterben. Durch die Betrachtung wird sein Schritt verwirrt, er stürzt hinab und sieht im letzten Satz den Korb mit der Tochter hoch über sich auf dem Kesselrand stehen, während er selbst zu versinken droht: "Bleib weg von mir, der dir nicht helfen kann, mein einziger Gedanke, während ihr fordernd vertrauender Blick mir hilflosem Schwimmer das Herz zerreißt."

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