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Rezension: Sachbuch : Bitte einsteigen und Türen schließen!

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Lyonel Feiningers Eisenbahn fährt durch das Spielzimmer schnurstracks in die Moderne / Von Burkhard Spinnen

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          Hinreichend bekannt ist, daß der deutsch-amerikanische Maler Lyonel Feininger (1871 bis 1956) vor der Zeit, da er mit seinen Gemälden von merkwürdig in Drei- und Vierecke aufgelösten Dörfern und Städten bekannt wurde, als satirischer und humoristischer Zeichner gearbeitet und dabei einige heute schon legendäre Frühformen des Comic strips geprägt hat.

          Weniger bekannt, aber alles andere als überraschend ist, daß Feininger, Vater von drei Kindern, für ebendiese Kinder (und später auch für andere) kleine Häuser und Figuren aus Holz schnitzte und bemalte, die - die Häuser eckig, schmal und mit spitzen, windschiefen Dächern; die Figuren skurrile, grotesk verwachsene Gestalten - ihre Herkunft aus der kubistischen Welt des Malers so freimütig und eindeutig anzeigen, daß eine größere Anzahl davon sich in Museen und Privatsammlungen erhalten hat.

          Doch wer außer ein paar Eingeweihten hat bislang gewußt, daß der Zeichner und Maler Feininger im Jahre 1913 ein Patent angemeldet hat, das ausschließlich ihm gestatten sollte, kleine Holzeisenbahnen in großer Stückzahl und auf eine besonders preiswerte Art und Weise herstellen zu lassen? Ich jedenfalls wußte es nicht und entnehme es jetzt einem kleinen bibliophilen Bildband, besser: einem Bändchen mit Fotos, auf denen die Häuschen, Kirchlein, Türmchen, Bähnchen und Figürchen des Malers zu allerlei urbanen Kompositionen arrangiert sind.

          Solche Bilder, denke ich, sieht man recht gerne. Hat es doch sein Beruhigendes, feststellen zu dürfen, daß auch im alles verwerfenden Zugriff der Moderne gefälliges Kinderspielzeug und daß auch unter ihrem kritischen Blick kleine Idyllen entstehen können. Bei der Zerschlagung der Welt fallen Bausteine für Kinder ab; und dergestalt auf das menschliche, will sagen: auf das kindliche Maß zielend, verliert mit einem Schlage die Avantgarde ihren Schrecken.

          Nicht recht in dieses Denkbild wollen mir allerdings die schon besagten Eisenbahnen passen. Bei genauerem Hinsehen stelle ich nämlich fest, daß den kleinen Loks und Waggons im Gegensatz zu dem anderen Spielzeug die Signatur der Moderne vollkommen fehlt. Vielmehr sind sie zwar eher schlicht ausgeführt, nach dem kostensparenden Patent, doch ansonsten, wenn ich so sagen darf: auffallend realistisch! Problemlos etwa erkenne ich hier den "Adler" der Nürnberg-Führter Eisenbahn von 1838 und dort eine 2-B-Personenzuglokomotive amerikanischer Bauart.

          Und das ist nun wirklich befremdlich. Denn so viel Vorbildtreue möchte man den kubistischen Maler nun auch wieder nicht wahren sehen. Gut, der Begleittext im kleinen Bildband bietet eine passende Entschuldigung an: Sinn der patentierten Holzbahnproduktion ("Lyonel Feininger's Blockeisenbahn. International. Modellgetreu. Unzerbrechlich") soll es gewesen sein, die "finanzielle Basis" einer kommenden Künstlerexistenz zu schaffen. Das paßte ins Genrebild der Moderne. Aber es heißt auch, daß Feininger sich seit seiner Jugend für Eisenbahnen interessierte und über "eine große Anzahl detaillierter Abbildungen" verfügte. - Und damit drängt sich ausgesprochen störend die Ahnung nach vorne, der Mann könne möglicherweise den Originalen - aus welchem Grunde auch immer - so ergeben gewesen sein, daß er bei ihrer Nachahmung nicht aus Kostengründen, sondern geradezu freiwillig auf die Freiheiten der Moderne verzichtet habe. Nicht auszudenken!

          "Die Stadt am Ende der Welt". Das Spielzeug von Lyonel Feininger. Hrsg. von Ulrich Luckhardt. DuMont Buchverlag, Köln 1998. 63 S., geb., 49,90 DM.

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