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Rezension: Sachbuch : Bis heute wir hørten høchsterfreut starke stimme geliebten häuptlings

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Erstaunlich! Neil Kents Saga springt im Schmucktelegrammstil durch die Kulturgeschichte der nordischen Länder

          4 Min.

          Am 21. April 1971 wurden im Hafen von Reykjavik zwei verlorene Söhne von einer jubelnden Menge begrüßt. Nach Hause kamen der "Codex Regius" der Älteren Edda und das "Flateyjarbók", eine Sammlung von Königssagen. Seit dem Erwachen eines isländischen Nationalbewußtseins im neunzehnten Jahrhundert, das erst 1944 zur Unabhängigkeit von Dänemark führte, hatte man sich bemüht, die altnordischen Handschriften zurückzuerlangen, die einst ein Isländer nach Dänemark gebracht hatte. Árni Magnússon hatte bis zu seinem Tod im Jahre 1730 als Student und später als Professor an der Universität Kopenhagen eine unvergleichliche Kollektion von wertvollen Manuskripten zusammengebracht, die er dann seiner Alma mater vermachte. Beherbergt wurden sie von der "Arnamagneischen Stiftung", die noch im achtzehnten Jahrhundert eine lange Reihe wissenschaftlicher Texteditionen ins Leben rief. Immer mehr entdeckten die nordischen Länder ihre Vergangenheit, und immer mehr wies dieses Interesse zugleich in die Zukunft politischer Selbstfindung. In einem langen Kampf gegen kulturellen Zentralismus und akademische Sturheit forderten die Isländer die schriftlichen Symbole ihrer jüngst entdeckten Identität für sich, bis das dänische Parlament in den sechziger Jahren schließlich die Übergabe des "isländischen Kulturbesitzes" beschloß. Von den Tausenden Handschriften, die vor ihrer erneuten Reise vielfach restauriert werden mußten, trafen die letzten 1997 in Island ein.

          Diese Geschichte wird von Neil Kent, der in Cambridge lehrt, nicht erzählt. Sein Buch "The Soul of the North" erzählt jedoch viele, viele andere Geschichten und zeigt dabei eine Wachheit im Detail und historisch wie geographisch weit ausgreifende Kenntnisse, deren Darstellung man nur mit Bewunderung und Interesse aufnehmen kann. Ein erhellendes Kapitel über das Verhältnis der nordischen Staaten zu Deutschland demonstriert anhand der Entwicklung des Konfliktes um Schleswig und Holstein die Gültigkeit der Erfahrung, daß Feindschaften gerade dort ausnehmend erbittert werden können, wo man sich besonders nahesteht. Deutschstämmige und deutschfreundliche, von der Aufklärung inspirierte Regierungsbeamte in Kopenhagen wie Struensee; Herder und Fichte, die ironischerweise, Fichte sogar bei einem Dänemarkbesuch im Sommer 1807, auch das Freiheits- und Nationalgefühl des Nachbarn theoretisch anstachelten; König Christian IX., der 1864 gegen die preußischen und österreichischen Truppen Krieg führte, selbst jedoch Dänisch nur mit starkem deutschen Akzent sprach - all dies ergibt ein Musterbeispiel der Ambivalenz von Abgrenzung und kultureller Nähe. "Wir müssen den Deutschen zerstören, ohne Gnade, wo immer wir ihn in Dänemark finden, und sei es gar in unserem Mund und in unserem eigenen Herzen", schrieb N. F. S. Grundtvig 1848. Gelungen ist auch ein Abschnitt über die religiösen Entwicklungen, eine wenn auch teilweise etwas stichwortartige skandinavische Kirchengeschichte im kleinen. Neben der Dominanz eines orthodoxen Luthertums erfahren das Aufkommen der Freikirchen im neunzehnten Jahrhundert, die früh einsetzende Toleranz gegenüber den Juden ebenso die gebührende Aufmerksamkeit wie der Siegeszug des Pietismus. Daß Ludwig von Zinzendorf 1736 in der dänischen karibischen Kolonie St. Thomas eine Predigt in improvisierter Kreolsprache an Hunderte von Sklaven gerichtet hat, gehört zu den zahlreichen Einzelheiten, die den meisten Lesern nicht vertraut sein werden.

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