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Rezension: Sachbuch : Bis an die Bettkante

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Pop bezieht seine Anziehungskraft nicht zuletzt aus dem Nebeneinander von Nähe und Unerreichbarkeit und über allem dem Nebel aus den Kanonen der Ungenauigkeit. Die allergrößten Popkunstwerke aber, nur noch wenig Mensch, fast schon ganz goldenes Kalb, sind jene Stars, denen es gelungen ist, die äußere Erscheinung ...

          Pop bezieht seine Anziehungskraft nicht zuletzt aus dem Nebeneinander von Nähe und Unerreichbarkeit und über allem dem Nebel aus den Kanonen der Ungenauigkeit. Die allergrößten Popkunstwerke aber, nur noch wenig Mensch, fast schon ganz goldenes Kalb, sind jene Stars, denen es gelungen ist, die äußere Erscheinung in ein Prisma unterschiedlich funkelnder Facetten aufzufächern, künstlerisches Tun mit dem eigentlichen Sein in eins zu setzen, ubiquitär zu sein und an der Spitze trotzdem ganz allein. Allergrößte Meisterin des Poprollenvexierspiels, so scheint es heute, ist die Italoamerikanerin Madonna. Die Karriere der inzwischen Dreiundvierzigjährigen und zweifachen Mutter nahm in den Achtzigern Gestalt an. Immerhin war diese Dekade auch die Zeit von Michael Jackson, Prince oder Whitney Houston. Doch sie sind auf der Strecke geblieben, verlorengegangen in den Irrgärten, die sie um sich selbst errichtet hatten, in ihren eigenen Neurosen, auch dem letztlich erfolglosen Kampf gegen die Windmühlenflügel der Musikindustrie.

          Madonna ist an ihnen vorbeigezogen und an vielen anderen auch. Ging es auf einem ihrer Wege nicht weiter, nahm sie eben einen anderen. Manchmal mochte es sogar scheinen, sie könne sich nach Belieben aufteilen, von einem Augenblick auf den nächsten eine ganz andere sein, während ihre gerade abgelegte Verpuppung dem Betrachter gleichsam noch auf der Pupille klebte. So war es gerade erst wieder im Sommer eindrucksvoll sinnfällig geworden - auf ihrer Europatournee, der fulminanten Inszenierung ihres Verständnisses von Zeit und Geist, mit ihr selbst vervierfacht im Mittelpunkt: als Punkerin, Geisha, Cowgirl und Ghetto-Heroine. Es war ihre erste Konzertreise seit acht Jahren - eine Ewigkeit im Pop -, und die Gerüchte wollten nicht verstummen, es könne ihre letzte gewesen sein. Es würde keine Rolle spielen. Womöglich endet Madonna nie. Sie allein ist heute Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich: Dreifaltigkeit des Pop. Das ist es, was sie eigentlich einzig macht.

          An schriftlich Gedeutetem zu Madonna herrscht kein Mangel. Kaum ein anderer Popstar hat solche Medienaufmerksamkeit erzeugt und erregt, was bei ihr in letzter Konsequenz dasselbe ist. Kein anderer Künstler hat es wie sie verstanden, die Öffentlichkeit zu manipulieren. Man brauchte Monate, um alles zu lesen, was über sie veröffentlicht wurde. Doch würde man sie danach besser verstehen? Das ist zu bezweifeln. Denn auch das macht Madonna einzigartig: wie sie es verstanden hat, als Person immer wieder hinter den Metamorphosen ihrer Inszenierungen zu verschwinden.

          Einem Buch, das behauptet, Madonna zu erklären, ist Aufmerksamkeit sicher: Endlich zwischen zwei Pappdeckeln gebunden zu finden, was man sonst überall zusammensuchen müßte. Der amerikanische Journalist J. Randy Taraborrelli hat dieses Buch geschrieben. Im Original lautet sein Titel "Madonna. An Intimate Biography", bei uns heißt es einfach: "Madonna. Die Biographie". Der Unterschied ist nicht unwesentlich. Taraborrelli hat sich auf Lebensbeschreibungen von Popstars spezialisiert, die im Umgang mit der Öffentlichkeit als schwierig gelten. Seine Biographien über Diana Ross, Cher, Michael Jackson und Frank Sinatra haben ihm einen flamboyanten Ruf eingetragen. Auch im Falle Madonna betont er, sein Text sei von ihr nicht autorisiert worden. Was heißen soll: Es ist kein Starvehikel, kein Transportmittel für alte Lügen und neue Schönfärbereien, mit denen gewöhnlich Fans in ihrem Fansein bestärkt werden.

          Es ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit - so, wie Taraborrelli sie herausgefunden hat. Es geschah in geradezu detektivischer Kleinstarbeit, zehn Jahre des Materialsammelns, unterstützt von einem Team aus Helfern und Helfershelfern. Dreihundert Zeugen wurden befragt, danach ihre Mosaiksteinchenbeiträge gefiltert - so, wie man Gold wäscht -, um nur das übrigzubehalten, was wirklich glänzt. Nur jede zweite Stimme soll Eingang gefunden haben in das Buch, auf diese Weise wollte der Autor sicherstellen, daß jene draußen blieben, die nachträglich nur ihr Mütchen an Madonna zu kühlen trachteten.

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