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Rezension: Sachbuch : Billy auf dem Holzweg

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Ikeas Karriere in Deutschland: Ingvar Kamprads Geschichte

          6 Min.

          Vor Jahren schon konnte "Titanic"-Kolumnist Max Goldt auf das grinsende Einverständnis seiner Leser zählen, als er verkündete: "Wenn ein Sprengmeister mal den hübschen Einfall haben sollte, ein Ikea-Warenhaus in die Luft zu jagen, dann komme ich und bringe achtzigtausend Perverse mit." Wer heute "Ikea" sagt, löst wie durch Knopfdruck satiretaugliche Assoziationen aus: Kiefernholz und Billigbuntes, infantile Produktnamen wie "Moppe" oder "Bullerup", pädagogische Katalogtexte und slapstickreife Heimwerkerszenen, postadoleszenter Sparzwang und alternativer Statusverzicht - lauter Merkmale eines Milieus, das wir getrost belachen und der Rubrik "Erledigte Fälle" zuschlagen. Das ist insofern ungerecht, als die Kritiker der Elche, die jetzt mit Marktex und Manufactum schöner wohnen, dem Möbelhaus aus Schweden eine wichtige Stufe ihrer Geschmacksbildung verdanken, was sie nur deshalb verdrängt haben, weil sie sich an das Elend der einheimischen Einrichtungskultur in den frühen Siebzigern nicht mehr erinnern.

          Ein Vierteljahrhundert ist es her, daß in Eching bei München die erste deutsche Ikea-Filiale eröffnet wurde, doch kaum jemand scheint zum Feiern aufgelegt. Der Weltkonzern, für den Deutschland der wichtigste Absatzmarkt ist, gehört zum Inventar der Republik, abgehakt für die einen, unentbehrlich für die anderen, jedenfalls fern aller Brisanz, wenn man von Skandälchen um Schadstoffe oder ausbeuterische Fertigungsbedingungen absieht. Als 1994 bekannt wurde, daß der Lebenslauf des jetzt dreiundsiebzigjährigen Firmengründers Ingvar Kamprad eine mahagonibraune Episode aufweist, riß das bei uns niemanden vom Hocker. Im blaugelben Mutterland aber, wo der Möbelmagnat als Vorzeigeschwede und Ikone des Unternehmertums verehrt wird, war die Enthüllung der Tageszeitung "Expressen" wie eine Bombe eingeschlagen und hatte am Ikea-Image häßliche Kratzer hinterlassen.

          Vorwiegend deshalb entschloß sich Kamprad, sonst notorisch publicityscheu, mit einer "autorisierten Biographie" an die Öffentlichkeit zu treten. Der Wortgewandte, der gern mit seiner angeblichen Legasthenie kokettiert, heuerte den Journalisten Bertil Torekull an, der nach seinen Erzählungen und den Auskünften seiner Mitarbeiter aufschreiben durfte, "wie alles kam". Als das Buch "Historien om Ikea - Ingvar Kamprad berättar" ("Die Geschichte von Ikea - Ingvar Kamprad berichtet") im vorigen Jahr bei Wahlström & Widstrand erschien, waren indes zwei andere Autoren schneller gewesen, die ihrerseits versucht hatten, dem seit 1978 in der Schweiz lebenden Milliardär seine Geschichte zu entlocken, und nach seiner Ablehnung auf eigene Recherchen vertrauten.

          Im Falle des Wirtschaftsfachmanns Stellan Björk nimmt sich das Ergebnis gleichwohl wie eine Auftragsarbeit aus, denn hinter dem Titel "Ikea - entreprenören, affärsidén, kulturen" ("Svenska Förlaget") verbirgt sich ein Handbuch für aufstrebende Unternehmer, die aus der Erfolgsstory des Möbelgiganten lernen wollen. Immerhin erfährt man Erstaunliches über die innere Struktur und die internationalen Verflechtungen des Konzerns sowie über den sogenannten "Ikea-Geist", dem sich die Angestellten verpflichten und der mehr pseudoreligiöse Züge trägt, als Millionen Besitzer von "Billy"-Regalen je vermutet haben dürften. Daß der Herrscher des Imperiums in jungen Jahren engen Kontakt zu rechtsextremen Gruppen unterhielt, referiert Björk knapp und mit demonstrativem Understatement, ganz im Sinne Kamprads, der in seinen Erklärungen gegenüber der Presse und in einem Bekennerbrief an die Ikea-Belegschaft seine "Jugendsünden" bagatellisiert hatte.

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