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Rezension: Sachbuch : Bilderzoom und Hyperlink

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Die Buchseiten erinnern wohl nicht zufällig an Schnappschüsse, die man vom Computerbildschirm abziehen kann. Hyperlink heißt das Verfahren, wo man mit Mausklick für die jeweilige Textstelle Worterklärungen hochruft oder Bilder heranzoomt. Alles befindet sich dort in nur virtueller Bewegung, weil das unendliche Datenangebot auf die Zustimmung des Benutzers warten muß, bevor es sich ihm in den Blick stellen darf. Es reizt mit seiner schieren Möglichkeit. "dtv-portrait" simuliert diese interaktive Spielwelt, ohne die Differenz zwischen Computer und Buch grundsätzlich zu bedenken. Wo der Computer trivial sein darf, weil seine Erklärungen mit einem Klick verschwinden, muß eine Buchseite gelten wollen. Vielfalt schlägt ihr leicht zur Beliebigkeit um. Wenn eine Biographie ohne diese Zitate aus Werk und Brief nicht auskommen kann, sollte sie sich auch erzählend zu ihnen bekennen. Sie muß ihnen einen buchstäblichen Ort geben, nicht aber in buntmarkierte Bereiche des schlechten Gewissens abdrängen.

Daß der Lektor seine Verantwortung mit dem Graphiker teilen mußte, hat seine Aufmerksamkeit gelegentlich getrübt. Da kann es schon einmal "selbronisch" heißen, wo "selbstironisch" gemeint ist. Auch Lazarus, ein Briefpartner Fontanes, darf einmal unter dem Vornamen "Max", dann "Moritz" auftreten, bis es am Ende im Register auch mit ihm ein schlimmes Ende nimmt. Dort entscheidet man sich für "Max" - und damit leider falsch. Und nicht ganz unkomisch ist es, wenn die Restauration nach dem Wiener Kongreß die Opposition "radikal ersticken" will, als gönnte sie dem Gegner nicht einmal dieses kleine Wort. Unangenehmer ist freilich, daß Büchners Biograph vom Duzen nicht lassen will und seinen Helden als "Georg" ins Grab schickt, als sei er dessen rebellischer Blutsbruder im Geiste. Das wirkt zu angestrengt salopp, um gut erzählt zu sein.

Einig sind sich alle vier Biographen darin, endlich den Frauen Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Dies könnte zum heimlichen Motto (aber auch schon guten Grund?) dieser Reihe werden - wenn sich dem nur etwas Theorie beigesellt hätte. Natürlich erleidet die Droste den patriarchalen Katholizismus, sympathisiert Fontane mit seiner Effi. Aber reicht das eine, aus Gut und Böse gedrehte Erzählfädchen "Emanzipation", um daraus ein berühmtes Leben zu stricken? Michaela Diers zeigt, wie dem Thema mehr abzugewinnen ist, wenn man es schwieriger macht. Ihr Hildegard-Porträt liest man deshalb mit Gewinn, auch weil es als einziges nicht auf den Zitatnachweis verzichtet. Dies mag man den kommenden Bänden zur Nachahmung empfehlen.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat seine Reihe auf einem schon gut beackerten Feld ausgesetzt. Die Monographien von rororo sind durchweg umfangreicher in Text und Bibliographie, und sie sind preiswerter. Man darf gespannt sein, ob vier Farben diese Vorteile aufwiegen können. THOMAS WIRTZ

Michaela Diers: "Hildegard von Bingen"; Winfried Freund: "Annette von Droste-Hülshoff"; Jürgen Seidel: "Georg Büchner"; Cord Beintmann: "Theodor Fontane". Alle im Deutschen Taschenbuch Verlag, München 1998. Br., 14,90 DM.

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