https://www.faz.net/-gqz-6qkxj

Rezension: Sachbuch : Bilderbogen, Tauschplätze und Eitelkeiten

  • Aktualisiert am

Ohne nüchterne Zahlen: Die Jahrbücher von Christie's und Sotheby's

          Es dauerte nur zwei Minuten und 35 Sekunden, bis das teuerste Objekt der Auktionsgeschichte für dreißig Millionen Dollar zugeschlagen wurde: Leonardos Codex Leicester, den fünfzehn Jahre lang der Ölmagnat Armand Hammer sein eigen genannt hatte - im wörtlichen Sinne: Codex Hammer - und der nunmehr Bill Gates ("Microsoft") gehört. In einer an Höhepunkten nicht überreichen Saison war dies die Ausnahme von der Regel. Daß das für die Entwicklung des westlichen Denkens fundamentale Stück wissenschaftlicher Erkenntnis in New York zur Auktion kam, zeigt einen langfristigen Trend dramatisch an: London verliert und New York gewinnt, nicht nur bei Werken der Impressionisten wie seit jeher, sondern auch in so erz-britischen Bereichen wie Büchern und Manuskripten. Das sollte nicht nur für die britischen Behörden ein Anstoß sein zu fragen, was an Vorschriften und Beengungen in Europa übertrieben wird. Jedenfalls reisen nicht nur bedeutende Kunstobjekte in großer Zahl über den Atlantik auf einer Reise ohne Wiederkehr. Es verarmt auch die lebendige Anschauung.

          Denn noch immer ist, was im Jahrbuch 1995 von Christie's vorgeführt wird, nicht nur Inhalt eines schönen coffeetable book, sondern ein fabelhaftes musée imaginaire. - zu deutlich herabgesetzten Preisen. Das allerdings galt kaum für die glanzvollen Shows wie den Verkauf des Inhalts von Houghton Hall. Es handelte sich um die akkumulierten Schätze von vier Familien, die alle auf ihre Weise Geschichte machten: Walpole, Cholmondeley, Rothschild, Sassoon. Dabei ging es nur um eine Auswahl, aber sie war, ob Bilder, Silber, Möbel oder Bronzen, eindrucksvoll.

          Wieder bestätigten sich unvorstellbare Preise für gute, aber nicht exorbitante amerikanische Möbel des 18. Jahrhunderts: Eine Philadelphia-Kommode kostet soviel wie eine Roentgen-Kommode, aber die Unterschiede sind merkbar. Den amerikanischen Möbeln eigen, bei allem Respekt, ist doch der Charme des Provinziellen. Erstaunlich sind auch die zwei Millionen Franken für ein Silberservice für 24 Personen von Odiot in Paris oder die 200000 Dollar für ein Monstrum von Vase (1878) von Tiffany in New York. Es verrät einen Sinn für Ironie, aber auch für die Pflege von Märkten, wenn solche Stücke im Jahrbuch gefeiert werden. Daneben bleibt vieles und vielerlei, von Edelsteinen und teuren Schmuckstücken - darunter eine Jadekette, die mit 33 Millionen Hongkong-Dollar das teuerste je versteigerte asiatische Stück war - bis hin zu großen Bildern: Nicht zuletzt Modiglianis "Nu assis au collier" für zwölf Millionen Dollar.

          Während Christie's mit einem Gesamtumsatz von 1,47 Milliarden Dollar sechzehn Prozent über dem Ergebnis des Vorjahrs lag, erging es Sotheby's mit plus 25 Prozent noch besser. Allerdings war die Ausgangsbasis deutlich von der Rezession gezeichnet. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, daß die Märkte, selbst für die bedeutendsten Stücke, unstet sind - aber auch das gehört zu den Attraktionen der Investition in Kunst und Eitelkeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          So sieht sich 8Chan selbst: Twitterprofil der Plattform.

          Internetforum „8chan“ : Der Alpha und die Betas

          Vom Meme zum Massaker: Wie radikalisieren sich junge Männer in Internetforen wie „8chan“? Warum verehren sie Donald Trump? Und warum gibt es diese Plattformen überhaupt?

          Eintracht Frankfurt : Wie ein Achtelfinale

          Eintracht-Torhüter Kevin Trapp erwartet ein „großes“ Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg und misst ihm besondere Bedeutung bei. Rund um das Stadion gelten für die rund 1200 Anhänger besondere Auflagen.

          Debatte über das Sparen : Lieber später als heute das Geld auf den Kopf hauen

          Bisher dachten Wissenschaftler, Menschen geben Geld lieber heute als später aus. Doch in einer alternden Gesellschaft könnte sich das ändern. Das würde auch das Phänomen negativer Zinsen erklären. Müssen Ökonomen ihre Lehrbücher umschreiben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.