https://www.faz.net/-gqz-6q2mr

Rezension: Sachbuch : Betrachtungen eines Unvollkommenen

  • Aktualisiert am

Hermann Kurzke über Leben und Werk Thomas Manns · Von Friedmar Apel

          5 Min.

          Thomas Mann wollte, daß sein Leben im engen Kontakt mit der Biographie Goethes eine "schöne und stimmige Ordnung" habe. Doch habe Mann, so Hermann Kurzke in seiner Biographie über den Schriftsteller, "einen verzweifelten Kampf gegen das andrängende Chaos geführt". Mann erscheint als ein Mensch in seinem Widerspruch, als der er sich 1953 selber sah: "War nicht das ganze Leben peinlich? Es gab wohl selten ein solches Ineinander von Qual und Glanz."

          Kurzkes berücksichtigt jene "reflexive Distanz", die er als Kriterium der Darstellungsweise Thomas Manns erkennt: "Im dichterischen und essayistischen Werk unseres Autors läßt sich sehr vieles über seine Kindheit finden, aber es ist so gut wie immer literarisch gefiltert." Er ignoriert die Trennung zwischen Leben und Werk, wobei er sich auf Manns Wort berufen kann, er finde mehr, als daß er erfinde.

          Die frühe Erfahrung, die den Stilisierungen zugrunde liegt, sieht Kurzke in der hanseatischen Bürgerwelt und ihren Rollenmustern begründet. Thomas Mann fiel "zwar sein Leben lang nicht aus der Rolle", litt aber auch unter ihr. Dieses Drama habe er im Hanno der Buddenbrooks dargestellt. Er habe in seiner Kindheit ein "Widerstandspotential" angelegt, das ihn gegen "Abrichtungsmethoden" immunisierte. Auf die Erziehung habe er mit "Spott" reagiert. Er sei früh "frei in einem seltenen Grade", deshalb und aufgrund seines "Erwähltheitsbewußtseins" "nicht wie du und ich" gewesen. Kurzke stellt Manns Leben mit großen Einschränkungen als ein vorbildliches dar.

          Der Liebe zum männlichen und weiblichen Geschlecht widmet sich der Biograph akribisch. Am Anfang steht Armin Martens alias Hans Hansen aus "Tonio Kröger", nach Kurzkes Rekonstruktion im Winter 1889/90 Manns früheste Liebe, die zu ersten lyrischen Ergüssen führt. Kurzke sieht im "frühen outing" das Ur-Erlebnis einer "Erniedrigung" durch das Geschlechtliche, ein indezentes Soziales, das den Autor seine sexuellen Erfahrungen auf Frauen beschränken ließ. Immer wieder stellte sich die Angst vor "dem heulenden Triumph der unterdrückten Triebwelt" ein, erstmalig in "Der kleine Herr Friedemann" gestaltet. Als zentrales Motiv sieht Kurzke die "Furcht vor der Heimsuchung", die zu einem apollinischen Verhalten der "Keuschheit" und der "Askese" geführt habe. Als literarisches und lebensweltliches Muster habe Mann dann Goethe an die Stelle von Platens gesetzt. Die Abkehr von dem Gedanken einer praktizierten Homosexualität sei "das persönliche Motiv der Eheschließung" mit Katia von Pringsheim gewesen, das neben dem sozialen Motiv eines "Wiederanschlusses an die Väter" zu deren Bestand beitrug. An Verständnis für Katia habe es Mann, gerade was ihr Leiden unter seinen Schwächen betraf, nicht fehlen lassen.

          Kurzke zeichnet keinen verklemmten Egoisten und Ästheten, sondern einen wunderlichen, liebenswerten Hausvater, der seine Kinder antiautoritär erzieht, der sich ohne seine Familie nicht denken konnte. Er sieht auch in Manns Verhalten im literarischen Leben das Humanum des Takts wirksam. Privat sei er "extrem schüchtern" gewesen, habe sich in melancholischen Stunden "für eine Zumutung" gehalten. Den Antrieb des Tagebuchschreibers sieht Kurzke in dem Wunsch, nach dem Tod ganz gekannt zu werden.

          Vom politischen Thomas Mann zeichnet Kurzke ein differenziertes Bild. Der antidemokratische wilhelminische Staatsbürger, die Begeisterung bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Mann als Erlösung empfand, wie es sich im Ende des "Zauberberg" spiegelt, wird kritisch dargestellt, jedoch auch die Distanzierung vom eigenen falschen Heroismus erwähnt. Der Nachrede vom öffentlich verdrängten Antisemitismus tritt Kurzke entgegen. Texte wie "Die Lösung der Judenfrage" von 1907 bezögen "ihre Anstößigkeit aus einem Sprachgefühl, das erst nach Auschwitz entstanden" sei. Wenngleich Thomas Mann gelegentlich - etwa in der Auseinandersetzung mit dem vorübergehend antisemitischen Juden Theodor Lessing - "keine besonders gute Figur" mache, so sei Antisemitismus nicht das Motiv gewesen, eher "der Ekel gegen den unanständigen Psychologismus der Zeit". Bei den "Betrachtungen eines Unpolitischen" unterscheidet Kurzke zwischen den antidemokratischen Meinungen, mit denen "bis zur Komik das linksliberale Klischee bedient" werde, und dem internationalistischen, intellektuellen und demokratischen Stil, in dem das Buch geschrieben sei. Mann habe sich spielerisch "eine politische Verfassung" geben wollen. Die Abneigung gegen die Einstellungen des Bruders blieb Kurzke zufolge bis in die zwanziger Jahre hinein konstant.

          Die festgefügte Sicht auf die Daten von Manns politischen Wandlungen wird bei Kurzke in Frage gestellt. So läßt sich das Bekenntnis zur Republik nicht einfach auf 1922 ("Von deutscher Republik") datieren. Mann hat im Ersten Weltkrieg die Niederlage des konservativen Deutschtums als die eigene empfunden, doch den Ereignissen um 1918 gelegentlich "mit Heiterkeit und Sympathie" zugesehen, "die neue Welt willkommen" geheißen. Unter Verzicht auf die Auflösung von Widersprüchen stellt Kurzke Mann als einen politisch immer klüger werdenden Anti-Utopisten dar, der sich zur loyalen Mitwirkung am Bestehenden auffordert, jedoch unter einem sittlichen Vorbehalt. Lange nach 1922 sei Mann ein "Vernunftrepublikaner" geblieben, dessen Sympathien "weiterhin den Mächten der Vergangenheit" gehörten.

          Gegen Walter Boehlichs oft nachgeredetes Urteil "Zu spät und zu wenig" macht Kurzke deutlich, daß kein anderer Schriftsteller den Faschismus und den Nationalsozialismus so früh öffentlich bekämpft hat. Die Gründe für das erst zögerliche, dann "massive Engagement" und die "politische Hellsichtigkeit" sieht Kurzke in einer Übertragung der biographischen Problematik: "Wie er gegen die eigene innere Gefährdung durch Mutterbindung und Inzestwunsch, Boheme und Homosexualität die Schutzwehr der Bürgerlichkeit aufzurichten gelernt hatte, so sollte ganz Deutschland handeln." Das machte ihn, weil das dekadente Element im Werk nicht verborgen bleiben konnte, Kurzke zufolge tauglich zum Sündenbock der Deutschen.

          Manns Rolle in der Emigration sei der Versuch eines dritten Weges zwischen "der hysterischen Gekränktheit der Emigranten und den Mitmachern in Deutschland". Mann habe in Amerika "Freiheit und Gutwilligkeit" empfunden. Seine Distanz aber gab er auch dort nicht auf, und seine mit Künstlerhochmut vermischte ironische Hellsichtigkeit verliert sich nicht im "engen Kontakt zur Macht", zum amerikanischen Präsidenten. Seine Kritik an totalitären Tendenzen im Nachkriegsamerika sei überzeugend, angesichts der Behandlung Erikas durch die amerikanischen Behörden verständlich. In der Beurteilung Deutschlands habe sich Mann im Gegensatz zu den unklaren, heuchlerischen Positionen der Brecht, Kästner, Thieß oder Hausmann nicht täuschen lassen. Die Entnazifizierung hielt er für gescheitert. Die Kluft zwischen den Dagebliebenen und den Emigranten war aufgrund der beiderseitigen "krankhaften Sensivität in Dingen dieses Dritten Reiches" nicht zu schließen. Kurzke bescheinigt Mann "tadelloses politisches Verhalten". Zum Faust-Roman findet Kurzke kein rechtes Verhältnis, und er stellt beinahe indigniert fest: "Biographisch betrachtet, hat er mit dem Stoff ein wenig hoch gegriffen."

          Zu den Sonderbarkeiten dieser Biographie gehören die theologischen Erwägungen zum alten Thomas Mann. Er "wollte vollkommen sein und empfand sich doch zugleich als verworfen". Jedoch erhoffte er angeblich "sein Sünder-Sein in der Gnade geborgen". Am Ende soll er nicht nur christliches Mitleid verdienen, sondern auch für das Christentum gerettet sein: "Hoffnung auf das ewige Leben hatte er ganz sicher." Einzelne Wunderlichkeiten in Kurzkes Werk ändern nichts daran, daß in diesem Buch die Demokratisierung Thomas Manns, seine Errettung aus der Expertenkultur gelingt. Bei allen Verdiensten seiner Vorgänger, nicht zuletzt Peter de Mendelssohns, von denen Kurzke profitierte, ist erst sein Buch geeignet, dem Werk des bedeutendsten deutschen Romanciers breites Interesse zu verschaffen. Es ist die Biographie für den passionierten Leser.

          Hermann Kurzke: "Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk". Ein Biographie. Verlag C. H. Beck, München 1999. 672 S., 40 Abbildungen, geb., 68,- DM.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.