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Rezension: Sachbuch : Betrachtungen eines Unvollkommenen

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Die festgefügte Sicht auf die Daten von Manns politischen Wandlungen wird bei Kurzke in Frage gestellt. So läßt sich das Bekenntnis zur Republik nicht einfach auf 1922 ("Von deutscher Republik") datieren. Mann hat im Ersten Weltkrieg die Niederlage des konservativen Deutschtums als die eigene empfunden, doch den Ereignissen um 1918 gelegentlich "mit Heiterkeit und Sympathie" zugesehen, "die neue Welt willkommen" geheißen. Unter Verzicht auf die Auflösung von Widersprüchen stellt Kurzke Mann als einen politisch immer klüger werdenden Anti-Utopisten dar, der sich zur loyalen Mitwirkung am Bestehenden auffordert, jedoch unter einem sittlichen Vorbehalt. Lange nach 1922 sei Mann ein "Vernunftrepublikaner" geblieben, dessen Sympathien "weiterhin den Mächten der Vergangenheit" gehörten.

Gegen Walter Boehlichs oft nachgeredetes Urteil "Zu spät und zu wenig" macht Kurzke deutlich, daß kein anderer Schriftsteller den Faschismus und den Nationalsozialismus so früh öffentlich bekämpft hat. Die Gründe für das erst zögerliche, dann "massive Engagement" und die "politische Hellsichtigkeit" sieht Kurzke in einer Übertragung der biographischen Problematik: "Wie er gegen die eigene innere Gefährdung durch Mutterbindung und Inzestwunsch, Boheme und Homosexualität die Schutzwehr der Bürgerlichkeit aufzurichten gelernt hatte, so sollte ganz Deutschland handeln." Das machte ihn, weil das dekadente Element im Werk nicht verborgen bleiben konnte, Kurzke zufolge tauglich zum Sündenbock der Deutschen.

Manns Rolle in der Emigration sei der Versuch eines dritten Weges zwischen "der hysterischen Gekränktheit der Emigranten und den Mitmachern in Deutschland". Mann habe in Amerika "Freiheit und Gutwilligkeit" empfunden. Seine Distanz aber gab er auch dort nicht auf, und seine mit Künstlerhochmut vermischte ironische Hellsichtigkeit verliert sich nicht im "engen Kontakt zur Macht", zum amerikanischen Präsidenten. Seine Kritik an totalitären Tendenzen im Nachkriegsamerika sei überzeugend, angesichts der Behandlung Erikas durch die amerikanischen Behörden verständlich. In der Beurteilung Deutschlands habe sich Mann im Gegensatz zu den unklaren, heuchlerischen Positionen der Brecht, Kästner, Thieß oder Hausmann nicht täuschen lassen. Die Entnazifizierung hielt er für gescheitert. Die Kluft zwischen den Dagebliebenen und den Emigranten war aufgrund der beiderseitigen "krankhaften Sensivität in Dingen dieses Dritten Reiches" nicht zu schließen. Kurzke bescheinigt Mann "tadelloses politisches Verhalten". Zum Faust-Roman findet Kurzke kein rechtes Verhältnis, und er stellt beinahe indigniert fest: "Biographisch betrachtet, hat er mit dem Stoff ein wenig hoch gegriffen."

Zu den Sonderbarkeiten dieser Biographie gehören die theologischen Erwägungen zum alten Thomas Mann. Er "wollte vollkommen sein und empfand sich doch zugleich als verworfen". Jedoch erhoffte er angeblich "sein Sünder-Sein in der Gnade geborgen". Am Ende soll er nicht nur christliches Mitleid verdienen, sondern auch für das Christentum gerettet sein: "Hoffnung auf das ewige Leben hatte er ganz sicher." Einzelne Wunderlichkeiten in Kurzkes Werk ändern nichts daran, daß in diesem Buch die Demokratisierung Thomas Manns, seine Errettung aus der Expertenkultur gelingt. Bei allen Verdiensten seiner Vorgänger, nicht zuletzt Peter de Mendelssohns, von denen Kurzke profitierte, ist erst sein Buch geeignet, dem Werk des bedeutendsten deutschen Romanciers breites Interesse zu verschaffen. Es ist die Biographie für den passionierten Leser.

Hermann Kurzke: "Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk". Ein Biographie. Verlag C. H. Beck, München 1999. 672 S., 40 Abbildungen, geb., 68,- DM.

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