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Rezension: Sachbuch : Besonnene Reformation

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Bernhard Lohse bringt Luthers Theologie in Ordnung

          4 Min.

          Mitte der fünfziger Jahre forderte der einflußreiche lutherische Dogmatiker Paul Althaus einen jungen Doktoranden auf, später einmal ein Buch über Luthers Theologie aus der Sicht des Kirchenhistorikers zu schreiben. Darin äußerte sich nicht nur frühe Anerkennung, sondern wohl auch der Wunsch, über die Grenzen der Disziplin hinaus schulbildend zu wirken. Vierzig Jahre später, nach der eigenen Emeritierung und als Summe seiner Beschäftigung mit Luther, hat Bernhard Lohse dieses Buch geschrieben. Es ist eine Lebensarbeit, nicht nur eine Luther-Studie geworden.

          Lohse, von dem auch die maßgebliche Luther-Darstellung im "Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte" stammt, stellt Luthers Theologie geschichtlich und systematisch dar. Er verbindet die Arbeit des Historikers, der die Entstehung der reformatorischen Theologie im Konflikt mit Rom samt ihren Wandlungen in den innerprotestantischen Auseinandersetzungen rekonstruieren will, mit dem Interesse des Lutheraners, der den Ertrag reformatorischen Denkens würdigen möchte.

          Lohse schlägt damit einen neuen Weg der Luther-Darstellung ein. Es ist ein Weg, an dem sich Abgründe auftun, so daß man die Begehbarkeit der Strecke ohne ausgewiesenen Führer nicht testen würde. Denn anders als Melanchthon oder Calvin hat Luther keine schulmäßige Dogmatik verfaßt. Seine theologische Arbeit blieb das Werk eines Entdeckers, der in Krisen und unter dem Druck von Angriffen stets aufs neue seinen glücklichen Fund zu retten wußte. Die Dynamik, mit der Luther seine reformatorische Einsicht unter veränderten Umständen umformte, um neue Proben auf die evangelische Erkenntnis zu ermöglichen, unterschied ihn von jenen Berufsdenkern, die das Messer schärfen, ohne zu schneiden. Die Gegenwartsnähe hat seine Theologie vor Abstumpfung bewahrt.

          Wer ein solches Denken systematisieren will, wird externe Gesichtspunkte heranziehen müssen. Deshalb orientiert sich die systematische Theologie beim Übergang von der historischen Betrachtung zur inhaltlichen Rekonstruktion an ihrer eigenen Gegenwart. Sie zieht in Betracht, wie sich reformatorischer Glaube und protestantisches Leben heute darstellen. Anders Lohse. Sein Ziel ist eine systematische Darstellung, die im Horizont des Historischen bleibt. Die Distanz zu Luthers Texten überbrückt er deshalb durch eine Systematisierung anhand der sogenannten "Loci-Methode" der altprotestantischen Dogmatik. Von Grundlegungsfragen, die das Schriftverständnis und das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung berühren, führt seine Darstellung über Gotteslehre und Christologie bis hin zur Eschatologie, der Lehre von den letzten Dingen. So wird ein locus classicus an den anderen gereiht.

          Die naheliegende Frage, ob dieses Verfahren die Struktur von Luthers Theologie erhellen kann, wird mit Lohses Gegenfrage: "Würde Luther nicht, falls er wie Melanchthon oder Calvin eine Dogmatik verfaßt hätte, in der Anordnung des Stoffes vermutlich ähnlich wie diese vorgegangen sein?" freilich nur rhetorisch beantwortet: durch ein Zureden am Abgrund, doch ruhig den Weg zu nehmen, der bisher als unpassierbar galt.

          Hat man sich auf dieses Verfahren allerdings einmal eingelassen, so erhält man eine solide und lehrreiche Darstellung der Theologie Luthers. Allerdings auch eine, die alle Extravaganzen scheut. Ob es um den Einfluß des Erfurter Humanismus, um die Rolle Ockhams oder die Frömmigkeit Bernhards von Clairvaux geht, ob die Nähe zur Mystik diskutiert wird - stets bleibt Lohses Luther der selbständige Denker, den wir nicht aus vielfältigen Einflüssen erklären können, sondern aus seinem Lebensthema verstehen müssen.

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