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Rezension: Sachbuch : Beidseitiges Durchschlängeln

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Hilmar Hoffmanns Erzählungen: Wie ein Fähnleinführer zum Oberpfadfinder der Kulturpolitik wurde / Von Günther Rühle

          5 Min.

          Fünfhundert Seiten Erinnerungen. Kürzer ging's nicht. Stoff für zweimal so viel hätte er wohl zur Hand.

          Das Leben des Hilmar Hoffmann ist voll gestopft mit Einfällen, Plänen, Verrichtungen (listigen und kräftigen), mit Konspirationen und Überraschungen, mit Bekanntschaften, Huldigungen, Ärgernissen und Umarmungen (ohne Liebschaften), mit Mittagessen und Abendmählern (vergeblichen und folgenreichen), mit Ehrungen, Entscheidungen, Verlockungen, Eifersüchten und Wandlungen seiner selbst, mit Glücksfällen und mehreren Karrieren, die sich am Ende wie eine Lebensgerade ausnehmen. Natürlich auch mit Arbeit. Das Windhündige an dem noch immer stattlichen und strahlenden, silbergraumähnigen Hünen unter den eher kleinwüchsigen Künstlern täuscht: Er ist ein fast rastloser Arbeiter (Fünfhundert Seiten! Nebenbei!), Anreger, Durchsetzer, ein Verführer auch; also auch ein Mann mit Beharrungskraft, Projektwillen, freilich auch hoher Genussfähigkeit. Als Filmhistoriker und Kulturtheoretiker auch ein Büchermacher. Die Titel seiner selbst geschriebenen oder fremd gefüllten Bücher streut er beiläufig, aber nicht unstolz in den mitunter spannend, dann wieder leichtsprüngig oder auch selbstgenüsslich daherkommenden Text.

          Der "viel gewandte" Hoffmann ist dabei zum Professor und Doktor honoris causa promoviert worden, wodurch Leistung, Anerkennung und Dankbarkeiten in Titel verwandelt wurden, die ein Verlangen stillen, das leise, aber deutlich zwischen seinen Zeilen west. Wer das Buch durchstreift und gar ganz in sich aufnimmt, aus Interesse an diesem vielfältigen, expandierenden Leben oder nur auf der Jagd nach immer neuen "Döntjes" und verborgenen Gesellschafts-Szenarien, darf den Eindruck eines glückhaft vollendeten Weges haben, auch wenn ihm der naumannsche Abschluss fehlt.

          Der Kulturarbeiter Hoffmann, der als Fähnleinführer, Fallschirmjäger, Kriegsgefangener seine junge Männlichkeit erlebte, hat aus diesen Erlebnissen, die ihn in die nationale Katastrophe verwickelten, die Folgerungen gezogen. Aus ihnen hat er seine neue Existenz gebildet. Zunächst, als er - "sich selbst aufklärend" - als einer der Ersten die Analyse des NS-Films betrieb, um der Verführungskraft früherer Indoktrination auf die Spur zu kommen; und später, als er als Leiter der Volkshochschule in Oberhausen den Zusammenhang von Bildung und Demokratie zu reflektieren und als Kulturdezernent zu institutionalisieren hatte. Aus diesem zweiten Ursprung ist ihm erwachsen, was ihm das Abenteuer seines Lebens an Erfolgen zuführte: sein Türschwellen überspringendes Programm einer "Kultur für alle", sein Kampf für anspruchsvolle "Kommunale Kinos" (der in diesem Buch zu kurz kommt), seine Impulse zur Entwicklung urbaner Kultur bis zu den Präsidentschaften der "Stiftung Lesen" und endlich des großen Goethe-Instituts, was der von Willy Brandt erweckte, unbürokratische, sanfte Sozialdemokrat Hoffmann wohl als eine Art Krönung erfuhr.

          Sein Arbeitsweg war ein Weg wachsender Anerkennung. In der Dramaturgie des Lebensberichts ist diese Triebkraft spürbar. Die Lebenserzählung mit vielen Geschichten beginnt nach Kriegsende mit der "Suche nach einem Platz in der neuen Gesellschaft" und endet am Jahrtausendschluss mit dem Ausblick auf "Deutschlands höchste Repräsentanten und die Kulturpolitik". Es könnte auch heißen: "Deutschlands höchste Repräsentanten und ich". Denn die Folge der Kapitel ist angelegt als eine Bergtour des Aufstiegs.

          Hoffmanns Spurensicherung ist auch ein Bericht über Freundschaften. "Mein Freund", "mein Freund", "mein Freund". Die Notenfolge der Vornamen, die hier die Melodie machen, ist der Beleg dafür, was zur öffentlichen Arbeit gehört: sich Freunde zu schaffen und Freundschaften zu halten; von Willy bis Helmut, von Gabriele bis zum Prinzen Michael, von Frieder, dem Sponsor, bis Peter, dem gelehrten Redner. Die unverhoffte Umarmung durch Ignatz Bubis nach dem Dissens in der Fassbinder-Affäre, welches "Ereignis" ihm wie kein anderes "zu schaffen gemacht" hat, muss, so darf man der Schilderung entnehmen, ein Ritterschlag höherer Art gewesen sein. Noch bedeutsamer als der weltliche, mit dem Gabriele Henkel einst den aufstrebenden Kulturdezernenten aus Oberhausen in ihren republikanisch anspruchsvollen Salon aufnahm. Denn von Ritterschlag spricht Hoffmann ausdrücklich.

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