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Rezension: Sachbuch : Begehrte Beute unter Palmen

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Eros als Großmacht: Ovids "Liebeskunst", neu kommentiert

          4 Min.

          Die "Ars amatoria" des Ovid ist ein Lehrgedicht - von allen antiken Gattungen ist dies sicherlich diejenige, die heute, wo kein Querpfad mehr von der Gebrauchsanweisung zur lyrischen Chiffre führt, am unverständlichsten erscheint. Aber das Altertum hielt daran fest, daß praktischer Nutzen nicht den ästhetischen Charakter ausschließen muß und der Gegenstand aus der Hand des Dichters eine Würde empfängt, die seine sachlichen Aspekte übersteigt. In diesem Sinn hatte sich Lukrez der Philosophie, Vergil der Landwirtschaft angenommen - ohne daß die Dichtung sich etwas vergeben hätte oder die Landwirtschaft der Lächerlichkeit überantwortet worden wäre. Das Lehrgedicht beglaubigt eine geistige Einheit der Welt.

          Auch die "Liebeskunst" ist nicht etwa, wie man vielfach gemeint hat, bloß eine frivole Keckheit ins Gesicht der tugendstrengen kaiserlichen Zentralmacht (das freilich auch), sondern sie enthält das große Projekt, die Kräfte des Eros in den Dienst der Vergesellschaftung zu nehmen - wie auch umgekehrt, dem Eros jene Verkümmerung zu ersparen, die kaum ausbleibt, wo er zur exklusiven Privatsache erklärt wird. Die verlogene Romantik des "Nur Du und ich im Mondschein" weist Ovid weit von sich: Ihm ist die Liebe ein reicher natürlicher Rohstoff, der allerdings erst bearbeitet werden muß, und wenn er Hilfe bei der Gestaltung dieses zugleich zartesten und stärksten menschlichen Affekts bietet, vom Stil eines Liebesbriefs über die Wahl der richtigen Frisur bis zu den geeignetsten Stellungen beim Geschlechtsverkehr, so begreift er das als Ansatz zur verfeinernden Reform der sittlichen Gesellschaftsordnung an ihrem hoffnungsvollsten Punkt. Rücksicht, Zartgefühl und Freiwilligkeit anstelle formalisierter Pflicht haben darin ihren Platz ebenso wie das Eigeninteresse, und die Empfehlung an die Frauen, ihre Zofe, wenn sie sich falsch frisiert fühlen, nicht mit der Haarnadel in den Arm zu stechen, wird damit begründet, daß Zorn unliebenswürdig macht.

          Wieviel Kommentar benötigt diese Liebeskunst des Ovid heute, und wem soll er wozu nützen? Einerseits besitzt Ovids Werk zweifellos einen höheren Grad unmittelbarer Zugänglichkeit, als wenn es von Ackerbau und Philosophie handelte. Andererseits muß man bereits ziemlich gut Latein können, um es im Original zu lesen und damit für jenen zusätzlichen Aufschluß Verwendung zu haben, den ein Kommentar verspricht. Hinzu kommt, daß die Ars amatoria gut überliefert ist (Markus Janka verzeichnet nur ungefähr sechzig textkritisch behandelte Stellen) und, trotz vieler mythologischer Anspielungen, kaum wirklich dunkle Passagen aufweist. All dies verringert die Differenz, die ein Kommentar zu überbrücken und auszufüllen hat.

          Angesichts dessen hätte Janka sein Werk ohne Einbußen gewaltig abspecken können. Das sehr umfangreiche Buch - ein "méga biblion", wie er selber sagt - beschäftigt sich allein mit dem zweiten der drei Bücher der "Ars amatoria"; das Verhältnis von Text und Kommentar beträgt ungefähr eins zu dreißig. Ein Gesamt-Kommentar zu Ovid müßte demnach etwa 20000 Seiten umfassen. Das Prinzip "Kommentar" hat hier dazu verleitet, sich zu ausnahmslos jedem Vers zu äußern, auch wenn er sprachlich und sachlich sonnenklar ist; auf diese Weise gelangt viel überflüssige Paraphrase hinein. "Tenere" z. B. heißt, auch wenn es von einem Mädchen gesagt wird, so ziemlich dasselbe wie das deutsche "halten", und es vertieft das Verständnis kaum, wenn Janko hinzusetzt: "(,An-sich-binden') im emotionalen und sexuellen Bereich"; und wenn er bei "viridis palma" ("die grüne Palme") anfügt: ",viridis' bezeichnet das jugendlich-frische Grün des Palmzweigs", dann beginnt man seine Erläuterungen allmählich als intellektuelle Beleidigung zu empfinden. Einem Leser des Originals muß man nicht mit etlichen Belegstellen erklären, daß die Römer ihre Jahreszählung an die amtierenden Konsuln binden.

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