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Rezension: Sachbuch : Befreit vom Zwange sind Noten und Klänge

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Entfettete Eleganz: Der Dirigent und Komponist Igor Markevitch brauchte keinen Ethik-Rat zu fragen, wenn er mit heißer Luft spielte

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          Mit siebzehn Jahren wollte er sich im Genfer See ertränken, nachdem sein Freund und Förderer Diaghilew gestorben war. Dann versuchte er mit Drogen, den inneren Explosionen seiner Jugend beizukommen. Obwohl ihn sein Dirigierlehrer Hermann Scherchen schlicht für den wichtigsten Komponisten der Gegenwart hielt, obwohl Nadia Boulanger, bei der er in Paris studiert hatte, seine einzigartige musikalische Handschrift sofort erkannte und förderte, hörte er Anfang Vierzig mit dem Komponieren auf. Entsetzt darüber war auch Aaron Copland, der ihn in der Bedeutung neben den jungen Benjamin Britten und William Walton stellte.

          Wer war dieser Igor Markevitch, der 1912 in Kiew geboren wurde und 1983 in Antibes starb? Berühmt wurde er als Dirigent durch eine Reihe von Schallplatten, besonders mit der Pianistin Clara Haskil. Berühmt wurde er auch als Pädagoge: Jahrelang leitete er Meisterklassen am Salzburger Mozarteum, Daniel Barenboim und Wolfgang Sawallisch haben höchst unterschiedlich davon berichtet. Auch das Moskauer Konservatorium lud ihn ein. Immer wieder leitete er Gesprächskonzerte. Als die Gesundheit nachließ, edierte er Beethovens Symphonien, und Peter Gülke, ebenfalls Wissenschaftler und Praktiker, attestierte dieser Ausgabe später, all ihren Widersprüchen zum Trotz, eine "Ethik des Interpretierens, der keine Mühe zu groß und kein Detail zu gering ist".

          Als Dirigent war Markevitch nie ein Star, gehörte eher zu den echten Könnern, die - eben weil sie ihr Können in den Dienst der Sache stellen, anstatt es auszustellen - Außenseiterpositionen des Musikbetriebes einnehmen. Markevitch half dem italienischen Musikleben nach 1945 maßgeblich mit auf die Beine. Stockholm, Montréal, Havanna, Madrid hießen seine späteren Stationen. Dem Orchestre Lamoureux in Paris war er ebenso verbunden wie dem Orchester und der Oper in Monte Carlo. Wer ihn noch als Dirigent erlebt hat, wird sich an die leidenschaftliche Objektivität seiner Interpretationen erinnern, an das Auffächern penibel ausgeleuchteter Werkstrukturen. Daß bei ihm sogar Strawinskys "Sacre" ein gewisses Maß an tänzerischem Charme behielt, daß Tschaikowsky mit gänzlich entfetteter Eleganz daherkam, hat sicherlich mit den kompositorischen Erfahrungen zu tun. Markevitch konnte in Musik denken und sie nicht bloß nachempfinden oder gar nachpinseln.

          Um so wichtiger ist die neue Untersuchung von Jörg Hillebrand, die Markevitchs vierundzwanzig veröffentlichte, aus dem Musikleben aber völlig verschwundene Kompositionen aus musikwissenschaftlicher Sicht beleuchtet. Die ersten sechzig Seiten dieses Buches, das aus einer Dissertation an der Universität Köln hervorging, skizzieren Markevitchs Biographie, wobei weniger kulturpolitische Fragen oder persönliche Krisen thematisiert werden als vielmehr die Entstehungsgeschichte der Werke. Der Hauptteil stellt die Stücke in Einzelanalysen vor; die Einordnung in den musikhistorischen Kontext erfolgt dann zusammenfassend am Ende. Eher Appendixcharakter haben die Schlußkapitel über Markevitchs theoretische Äußerungen und sein Wirken als Dirigent.

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