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Rezension: Sachbuch : Autodidakt in Amerikas höchstem Amte

  • Aktualisiert am

Abraham Lincoln, der Bürgerkriegspräsident, in einer großen Biographie von David Herbert Donald

          7 Min.

          Was Abraham Lincoln am 14. April 1865, jenem Tag, an dem er durch die Kugel eines Attentäters tödlich verletzt wurde, in den Taschen seines Anzugs trug, erfuhr Amerika mit gut einhundertjähriger Verspätung, am 12. Februar 1976. Neununddreißig Jahre zuvor hatte Mary Lincoln Isham, die Enkelin des sechzehnten Präsidenten, der Library of Congress ein Schächtelchen anvertraut. Weshalb es Jahrzehnte lang unbeachtet in einem Tresor der Staatsbibliothek gelegen hatte, ließ sich nicht mehr klären, als Daniel J. Boorstin, der Librarian of Congress, es in Anwesenheit einiger Mitarbeiter und Journalisten zum ersten Mal öffnete und behutsam seinen Inhalt ausbreitete: zwei Brillen, ein Federmesser, eine Uhrkette, einen Manschettenknopf mit der Initiale "L", ein Taschentuch mit rot gewirktem Monogramm, eine Brieftasche. In der Brieftasche fanden sich eine Fünf-Dollar-Note der Südstaaten sowie neun Zeitungsartikel über den Präsidenten und die Sache der Union im gerade beendeten Bürgerkrieg. Daß die Berichte allesamt schmeichelhaft waren, zeige, so resümierte Boorstin, daß Lincoln "dem Rest von uns sehr ähnlich war", will sagen: nicht ganz uneitel und gelegentlich des Zuspruchs bedürftig. Für den Historiker hatte die Präsentation ihr Ziel erreicht: "Abraham Lincoln ist unter Mythen begraben. Wir sollten versuchen, ihn als Menschen zu sehen."

          Die kleine Episode ist nur eine unter vielen in der Geschichte der Vereinnahmung des Bürgerkriegspräsidenten durch das kollektive Gedächtnis seiner Landsleute und zugleich eine treffende Metapher für die Wirkung von David Herbert Donalds ausgezeichneter Lincoln-Biographie auf ihren Leser. Nicht ein einziges Mal auf 599 Textseiten erwähnt Donald das Urteil der Nachwelt über Lincoln, von jenem der Geschichtswissenschaftler ganz zu schweigen. Die historiographischen Debatten, die sich um den Präsidenten ranken, handelt er implizit durch die Gewichtung seiner Anekdoten oder in einer der zahlreichen bibliographischen Anmerkungen ab. Donald schreibt seine Geschichte elegant von den Quellen her, konzentriert sich auf Lincoln, "darauf, was er wußte, wann er es wußte und weshalb er seine Entscheidungen traf" - und läßt, wo immer es möglich ist, den Präsidenten und seine Zeitgenossen selbst zu Wort kommen.

          "Ich bin fast bereit zu sagen, daß Gott diesen Wettstreit will und will, daß er noch nicht enden soll", schreibt etwa ein fatalistisch gesinnter Präsident im Sommer 1862 über den Krieg, während er, im Telegraphenbüro des Kriegsministeriums sitzend, auf Nachrichten von seinen in jenen Tagen häufig erfolglosen Generälen wartet. Einer seiner Minister hält in seinem Tagebuch fest, Lincoln habe dem Kabinett gestanden, bisweilen "sei er beinahe bereit, sich zu erhängen". Resultat solcher Quellennähe ist eine trotz ihres Umfangs sehr lesbare und kompakte Biographie. Ähnlich wie die Memorabilien in Mary Lincoln Ishams Schachtel stellt sie die Person Lincoln unmittelbar und mit Sinn für das sprechende Detail vor Augen.

          Ladenbesitzer, Landvermesser

          Daß "Lincoln" Autorität beansprucht, hat wesentlich mit seinem Verfasser zu tun. Dessen Werk kreist seit fünf Jahrzehnten um den Bürgerkrieg und den Präsidenten, der ihn im Zeichen der Einheit der Republik und ihrer freiheitlichen Verfassung gewann. Der 1920 in Mississippi geborene Donald war einst Schüler und Protegé von James G. Randall, dem ersten Historiker, der die Beschäftigung mit Lincoln zur Grundlage einer akademischen Karriere machte und dessen zwischen 1945 und 1955 veröffentlichtes vierbändiges Werk "Lincoln the President" noch heute als die maßgebliche Vita gilt. Seit "Lincoln's Herndon", einer 1948 erschienenen Monographie über Lincolns Kanzleipartner und späteren Biographen William H. Herndon, hat Donald, inzwischen emeritierter Professor der Harvard University, ein gutes Dutzend Bücher über die Epoche geschrieben und herausgegeben. Zweimal erhielt er den Pulitzer-Preis für Biographie. Sein jüngstes Werk hat gute Chancen, zu dem zu werden, was Lord Charnwoods "Abraham Lincoln" (1916) und Benjamin P. Thomas' "Abraham Lincoln: A Biography" (1952) für ihre jeweilige Generation waren: die populäre einbändige Lincoln-Biographie, die die Ergebnisse der Forschung zuverlässig zusammenfaßt und das Bild des bedeutendsten amerikanischen Präsidenten auf absehbare Zeit prägt.

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