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Rezension: Sachbuch : Autodidakt in Amerikas höchstem Amte

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Keine andere Streitfrage seiner Amtszeit indessen stellte Lincolns politisches Geschick so auf die Probe wie die Stellung der Sklaven. Nicht daß er, der heute als der "Große Emanzipator" gilt, von Anfang seiner Administration an ihre Befreiung im Sinn gehabt hätte. Vor dem Winter 1861/62 tat Lincoln, so argumentiert Donald überzeugend, nicht viel mehr, als die Sklaverei öffentlich als "falsch" zu bezeichnen und vage darauf zu hoffen, sie werde, wenn man sie nur auf den Süden beschränken könnte, mit der Zeit aussterben. Die befreiten Schwarzen plante er außerhalb der Vereinigten Staaten anzusiedeln, "in einem Klima, das ihnen zuträglich ist".

Anders als Stephen B. Oates, der in seinem 1977 erschienenen "With Malice Toward None: The Life of Abraham Lincoln" bei dem Präsidenten ausgeprägte Sympathien für die Sache der Abolitionisten ortete, macht Donald deutlich, daß Lincoln von seiner Position nur unter dem Druck radikaler Mitglieder seines Kabinetts abrückte. Einmal bekehrt, legte er dann freilich eine Gewandtheit in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung an den Tag, wie die Vereinigten Staaten sie erst wieder in der Person Franklin D. Roosevelts erleben sollten. Im August 1862 etwa erklärte Lincoln scheinbar kategorisch in einem in vielen Zeitungen abgedruckten Brief, wenn er "die Union retten könnte, ohne einen einzigen Sklaven zu befreien, würde ich es tun". Zu diesem Zeitpunkt freilich lag der Entwurf der Erklärung zur Emanzipation der Sklaven schon in seiner Schublade, und mit welcher Ungeduld Lincoln nur noch auf einen militärischen Erfolg wartete, um die Deklaration publizieren und vor der öffentlichen Meinung rechtfertigen zu können, schildert Donald plastisch.

Der Große Emanzipator

Zwei Schwächen von "Lincoln" sollten freilich nicht verschwiegen werden. Daß Donald in einer "grundlegenden Passivität" das Leitmotiv für Lincolns Leben sehen will, widerspricht auf fundamentale Weise seiner eigenen Darstellung und hinterläßt, wie ein amerikanischer Rezensent richtig anmerkte, "ein enormes Loch im Zentrum des Buches". Daß er die Evolution von Lincolns politischen Positionen vor allem durch Analysen seiner zahlreichen Reden nachvollzieht, sorgt nicht nur für manche Redundanz, etwa wenn er zum wiederholten Male die Pläne zur Ansiedlung der Sklaven referiert. Es überzeichnet zudem mitunter das Ausmaß von Lincolns ideologischer Flexibilität. Wenn Donald beispielsweise beschreibt, wie Lincoln es verstand, die Fraktionen seiner heterogenen Partei zusammenzuhalten, scheint Lincoln wenig mehr zu sein als ein versierter Taktierer, und Donald muß daran erinnern, daß sich "hinter seiner Anpassungsfähigkeit in der Wahl der Mittel ein unbeirrbares Festhalten an seinen Zielen" verbarg. Insgesamt jedoch sorgt Donalds konsequent auf Lincoln zentrierter Ansatz für eine faszinierende Perspektive. Ein abschließendes Kapitel, das etwa Lincolns "Vermächtnis" für die Gegenwart bewerten würde, fehlt, doch bezeichnenderweise hat man als Leser den Eindruck, alles Wesentliche erfahren zu haben. In dem Augenblick, da der Präsident seinen letzten Atemzug tut, endet auch Donalds suggestive und wohltuend unpathetische Lebensbeschreibung. BERTRAM EISENHAUER

David Herbert Donald: "Lincoln." Simon & Schuster, New York 1995. 714 Seiten, geb. 35,- Dollar, br. 17,- Dollar.

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