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Rezension: Sachbuch : Autodidakt in Amerikas höchstem Amte

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Daß dieses Bild "vielleicht ein wenig gröber" ausfällt als jenes seiner Vorgänger, räumt Donald selbst ein. Fast die erste Hälfte seines Buches nimmt er sich, um Lincolns Leben vor dem Einzug ins Weiße Haus zu schildern. Er beschreibt den jungen Lincoln, der seinen Lebensunterhalt unter anderem als Ladenbesitzer, Postmeister und Landvermesser verdiente und, in das Repräsentantenhaus seines Heimatstaates Illinois gewählt, erst einmal Geld borgen mußte, um sich einen anständigen Anzug kaufen zu können. Er berichtet von seinen depressiven Schüben, seiner Ruhelosigkeit, seinem gelegentlich stürmischen Eheleben und seinen wiederholten politischen Niederlagen.

Gutmütig, aber überfordert

Als Lincoln ein Jahr vor seiner Wahl erklärte, er müsse "in aller Offenheit sagen, daß ich mich für die Präsidentschaft als ungeeignet betrachte", sei er, so stellt Donald klar, "nicht kokett, sondern realistisch" gewesen: "Nach allen äußeren Anzeichen zu urteilen, war er weniger darauf vorbereitet, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein, als jeder andere Mann, der sich damals um dieses Amt beworben hatte." Tatsächlich war seine Schulbildung kaum der Rede wert, zudem besaß er keinerlei administrative Erfahrung und hatte zehn Jahre vor seiner Wahl kein öffentliches Amt mehr bekleidet. In Washington angekommen, erwies er sich, wie er später zugab, als "völlig unkundig, was nicht nur die Pflichten, sondern die Führung der Geschäfte" in seinem neuen Amt betraf.

In seiner Ratlosigkeit vergeudete er Zeit mit Bittstellern, die ihn bis spät in die Nacht nicht zur Ruhe kommen ließen. Schon bald empfanden nicht wenige seiner Parteifreunde ihren Präsidenten als peinlich, seine Generäle ignorierten hartnäckig seine Weisungen, und als er das Kommando über die Truppen für einige Zeit selbst übernahm, mußte er, so Donald, "einsehen, daß er ein politischer, kein militärischer Führer war". In einem typischen Beispiel für seine souveräne Handhabung der Quellen zitiert Donald das Tagebuch eines ausländischen Beobachters, der Lincoln in seinem ersten Sommer als Staatsoberhaupt mit Ludwig XVI. verglich: "Dieselbe Gutherzigkeit, Ehrlichkeit, gute Absicht; aber die Ereignisse scheinen zu viel für ihn zu sein."

Gutmütig, aber überfordert: das klingt so gar nicht nach dem Helden des Bürgerkriegs und der Bürgerrechte, als den sich das historische Bewußtsein der Vereinigten Staaten Lincoln gern vorstellt. Doch indem Donald den Präsidenten deheroisiert, macht er dessen Lebensleistung nur um so beeindruckender. Lincolns Ehrgeiz hatte ihn schon in Illinois dazu getrieben, sich als Autodidakt der Jurisprudenz zu einem geachteten und vielbeschäftigten Anwalt hochzuarbeiten. Auf ähnliche Weise wuchs er auch in sein Amt als Präsident: durch einen Akt allmählicher, aber zielstrebiger Aneignung.

Lincoln bewies auf schlagende Weise, daß in der überschaubaren Welt Washingtons einem Präsidenten, der über persönliche Überzeugungskraft und die Fähigkeit zur glaubhaften Schmeichelei verfügte, besonders in einer Krisensituation beachtliche Macht zuwachsen konnte. Als sein renitentester General George B. McClellan 1862 Allan Pinkerton, den Chef der gleichnamigen Detektei, nach Washington schickte, um herauszufinden, ob der Präsident ihm noch traute, gelang es Lincoln, dem Detektiv durch ein geschicktes Verhör mehr zu entlocken, als dieser über ihn erfuhr. "Ich muß gestehen", schrieb Pinkerton nach seiner Rückkehr in einem Bericht an McClellan, "daß er mich in diesem Gespräch in seiner Ehrlichkeit Euch gegenüber mehr beeindruckt als jemals zuvor."

Donald zeichnet Lincoln als einen scharfsinnigen und durchtriebenen Politiker, der seine politischen Ziele notfalls auch mit einer Spur Rücksichtslosigkeit verfolgte. So neutralisierte er Benjamin F. Butler, einen populären General, der ihm 1864 die Renominierung als Präsidentschaftskandidat hätte streitig machen können, indem er ihn als Kommandant eines Forts nach Virginia schickte. Gegenüber dem Kongreß setzte er seine Autorität bisweilen so ungeniert durch, daß Henry Winter Davis, einer der radikalsten Sklaverei-Gegner, im Winter 1865 klagen konnte: "Sir, als ich vor zehn Jahren in den Kongreß kam, hatten wir eine Regierung durch Gesetz. Ich habe erleben müssen, wie sie zu einer Regierung durch persönlichen Willen geworden ist."

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