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Rezension: Sachbuch : Außerordentlich gelehrige Halbaffen

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Wortkämpfe eines Pazifisten: Stefan Zweigs Briefe 1914 bis 1919 / Von Ulrich Weinzierl

          5 Min.

          In der Wiener "Neuen Freien Presse" vom 6. August 1914 erschien der Artikel eines anerkannt feinsinnigen Literaten. "Ein Wort von Deutschland" begann, der ,großen' Zeit Tribut zollend, mit gußeisernen Sätzen: "Mit beiden Fäusten, nach rechts und links, muß Deutschland jetzt zuschlagen, der doppelten Umklammerung seiner Gegner sich zu entwinden. Jeder Muskel seiner herrlichen Volkskraft ist angespannt bis zum Äußersten, jeder Nerv seines Willens bebt von Mut und Zuversicht." Zwei Tage zuvor hatte der Verfasser seinem Verleger Anton Kippenberg mitgeteilt, er werde "in ein paar Wochen schon aller Wahrscheinlichkeit nach an der Front" sein - "jedenfalls treffe ich heute meine Verfügungen. Es wird auch ein Wunsch an Sie darunter sein im Falle, daß mir etwas passiert". Das leicht verfrühte Testament schloß mit einem markigen "Gott schütze Deutschland!"

          Ende August berichtete der todesverachtende Patriot einer Dichtersgattin bedauernd: "Mich haben die Waffen noch nicht gerufen, doch wird die Zeit mich bald fordern." Mitte Oktober bereitete er dann - wiederum seinem Verleger gegenüber - den geordneten Rückzug vor: "So wäre mein höchstes Glück als Officier gegen einen civilisierten Feind reiten zu dürfen - komme ich hier dran, so gilt es als gemeiner Soldat gegen Schmutz, Kälte, Hunger und Gesindel zu kämpfen. Dies mag Ihnen erklären, warum von den Intellectuellen Österreichs kein Einziger bisher sich freiwillig an die Front gemeldet hat, diejenigen, die durch ihre Stellung hingehörten, sich sogar zurücktransferieren ließen." Voll "Neid" blicke er aus dem Hinterland auf den wohl längst eingerückten Leiter des Insel-Verlags: "Officier sein zu dürfen in dieser Armee, in Frankreich zu siegen - gerade in Frankreich, das man züchtigt weil man es liebt."

          Um der historischen Wahrheit die seltene Ehre zu geben: Auch Anton Kippenberg hatte keine Gelegenheit, in Frankreich zu siegen - nicht zuletzt deshalb, weil er den "Dienst in der Schützenlinie" vorsichtshalber mied. Und die militärische Karriere Zweigs bis hinauf zum "Titularfeldwebel" fand ausschließlich dort statt, wo sie in österreichischen Schriftstellerkreisen stattzufinden pflegte: im k.u.k. Kriegsarchiv, betraut mit einer Tätigkeit, die laut Rainer Maria Rilke "Heldenfrisieren" hieß. Anders ausgedrückt: vaterländisch bekömmliche, den Kampfgeist fördernde Texte zu verfertigen.

          Naturgemäß war das Schicksal des wiederholt als frontdienstuntauglich eingestuften notorischen Zivilisten Stefan Zweig - bereits im Juli 1914 hatte er seine "Arbeitskraft unentgeltlich dem Pressedepartement" des Kriegsministeriums angetragen - keine Ausnahme. In die Literaturgeschichte eingegangen ist der "Gruß an Hofmannsthal" von Hermann Bahr. "Ich weiß, daß Sie in Waffen sind, lieber Hugo", lesen wir in dem berüchtigten offenen Brief, "doch niemand kann mir sagen, wo. So will ich Ihnen durch die Zeitung schreiben. Vielleicht weht's der liebe Wind an Ihr Wachtfeuer und grüßt Sie schön von mir." Höhnisch meinte Karl Kraus in der "Fackel", Bahr hätte für die Zustellung getrost die Dienste der Post bemühen dürfen. Das Wachtfeuer, das den Leutnant Hofmannsthal damals wärmte, brannte fern der Schlachtfelder: im Kriegsfürsorgeamt.

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