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Rezension: Sachbuch : Außerordentlich gelehrige Halbaffen

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Bei all dem geht es keineswegs um einen Vorwurf mangelnden Heroismus', sondern um die fatalen Folgen heroischer Phrasen. Sie hatten die psychologisch verständliche Aufgabe, eine nicht ganz so heldenmütige Wirklichkeit zu verdrängen; des öfteren zudem den Vorzug, den das Blutvergießen Preisenden vor dem Gepriesenen zu bewahren. Auch Stefan Zweig, dessen europäische Gesinnung trotzdem über jeden Verdacht erhaben scheint, ist der eignen Phraseologie erlegen. Man wußte, daß das Selbstbild aus der "Welt von Gestern" geschönt war. Donald Praters noble Biographie hat das Porträt diskreter berichtigt als der österreichische Germanist Klaus Heydemann in einem 1981 veröffentlichten Aufsatz. Dem jetzt publizierten Briefband aus den Jahren 1914 bis 1919 verdanken wir freilich die Erkenntnis einer grundlegenden Ambivalenz in Zweigs Verhalten. Sie machte ihn, ohne daß er sich dessen bewußt gewesen wäre, zu einem seelisch und moralisch Zerrissenen.

Er verurteilte die Kriegshetzer und -barden, gar manchen seiner Bekannten mahnte er zur Vernunft. Im Brustton der Empörung bezeichnete er die "ganze Schar der Begeisterten", zu der er auch Hofmannsthal rechnete, als "Gesindel der Worte". Zugleich aber beteiligte er sich lange an der Verharmlosung, ja Glorifizierung des Gemetzels, das er zutiefst verabscheute. Solches Dilemma mußte er vor sich und anderen verleugnen. Die kundigen Herausgeber verschweigen die Fragwürdigkeit seiner Position weder im Nachwort noch im gewaltigen, rund dreihundert Seiten umfassenden Anmerkungsteil, der auch durch Fundstücke aus Zweigs Tagebuch auf Widersprüche hinweist. Daß ein paar Daten und Informationen in den Fußnoten falsch sind, stört angesichts der Fülle der anregenden Details kaum.

Die bedeutendsten, inhaltsreichsten der abgedruckten Briefe, jene an Romain Rolland, waren Fachleuten schon in einer DDR-Edition (1987 bei Rütten & Loening) zugänglich. Auf sie zu verzichten wäre unverantwortlich gewesen. Erst im Zusammenhang mit anderen Korrespondenzen wirken sie biographisch so erhellend, wie sie sind. Am Anfang schrieb Zweig wegen der Zensur deutsch, später - auf neutralem Boden - wechselte er auch in puncto Grammatik unerschrocken ins Französische. Nur mühsam vermochte der gelernte Kosmopolit seine Fassung wieder gewinnen, den Dialog mit dem "großen und verehrten Meister und Freund" über die Feindesgrenzen hinweg ohne Reste von innerem Vorbehalt zu führen. Eine charakteristische Fehlleistung aus einem frühen Brief an Rolland offenbart den Zwiespalt in seinen Gefühlen: "Alle meine Wünsche gegen [!] zu Ihnen hinüber." Genauer betrachtet, ist Stefan Zweig der Verehrer schlechthin gewesen. Er suchte sich Vorbilder, um sie zu idealisieren und sich mit ihnen zu identifizieren. Darum war Rolland für ihn mehr als ein Gesprächspartner "au-dessus de la lée", er wurde zum wichtigsten Verbündeten und einer Art Beichtvater.

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