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Rezension: Sachbuch : Aus Orthodoxford

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Eine ansehnliche Armenbibel der Philosophie / Von Kurt Flasch

          5 Min.

          Jahrhundertelang haben Philosophen uns eingeschärft, Erkenntnis komme nur zustande, wenn Anschauen und Nachdenken zusammentreffen. Begriffe ohne Anschauungen, sagten sie, blieben leer. Aber gesetzt den Fall, wir dächten über zwei verschiedene Philosophien nach, um sie zu vergleichen und zu bewerten - was sollen wir dabei anschauen? Die Buchstaben auf dem Papier oder die Rücken der Bücher? Den Schreibtisch, an dem sie ausgearbeitet wurden? Suchen wir eine Grabinschrift oder ein gemaltes Porträt?

          Die "Illustrierte Geschichte der westlichen Philosophie" geht alle diese Wege zugleich. Sie zeigt Leibnizens Rechenmaschine und Machiavellis Arbeitszimmer (allerdings ohne uns zu sagen, daß es so erst unter seinem Verehrer Mussolini arrangiert wurde); sie druckt das Titelblatt der Kritik der reinen Vernunft; sie reproduziert allegorische Darstellungen; sie bringt ein Gruppenfoto mit einer einzigen Dame vom Philosophenkongreß 1969. So ist es eine Lust, in dem gut aufgemachten Buch zu blättern. Schöne Denkerköpfe sind zu besichtigen. Ruchlos, wer danach noch zweifelt, ob Tugend die Welt regiert, denn dieses Buch zeigt jedem, wie sie die Macht ergriffen hat - auf einem Gemälde des Jahres 1635.

          Aber wie kommt man von all diesen Bildern zu den Gedanken des Philosophen? Darum kümmern sich die sechs Autoren, die auf undogmatische Weise der Oxford philosophy zugehören, so gut wie nicht. Sie schreiben eine konventionell, eine an den "großen" Denkern orientierte Geschichte der Philosophie in sechs Abschnitten: Antike, Mittelalter, 17. und 18. Jahrhundert, kontinentale Philosophie von Fichte bis Sartre, englische Philosophie von Mill bis Wittgenstein; Anthony Quinton behandelt anhangsweise auf neunzig Seiten die zweieinhalb Jahrtausende der politischen Philosophie.

          Was die verschiedenen Abschnitte intellektuell verbindet, ist eine klare Sprache und das Interesse an Argumentation. Das Kulturgeschichtliche tritt zurück zugunsten logischer Analysen. So ist ein informatives Lesebuch zur Geschichte der Philosophie entstanden: präzis, ohne Banalitäten und ohne künstliche Umständlichkeiten. Wer es gelesen hat, kennt die wichtigsten Argumente Anselms und Kants; er erfährt, wo nach Ansicht Wittgensteins deren Fehler liegen; er weiß, wie sich in den Köpfen von Oxford-Professoren die Vergangenheit der Philosophie malt.

          Dies Bild ist merkwürdig. Früher klaffte bei Unternehmen dieser Art immer die Lücke "Mittelalter". Jetzt ist sie geschlossen; der klare und korrekte Beitrag von Paul Vincent Spade gibt ein kompaktes Gesamtbild von Augustin bis Ockham. Dem Leser ist sogar zu empfehlen, mit dem Mittelalter-Abschnitt zu beginnen, denn das Kapital "Antike" ist zwar ebenso gelehrt, öffnet sich sogar großherziger neuesten Fragestellungen (wie dem Vorwurf des Logozentrismus und den ethischen Verpflichtungen gegen die Tiere), ist aber etwas verspielt-essayistisch geschrieben und hat den Übersetzer, der mit den späteren Kapiteln besser zurechtgekommen ist, zuweilen überfordert.

          Wir erhalten also von Thales bis Ockham ein verläßliches und auf Kontinuität angelegtes Bild, aber dann tun unsere biederen Professoren, die ansonsten die Chronologie mit Nachdruck respektieren, einen gewaltigen Sprung über drei Jahrhunderte hinweg; es geht erst mit Descartes wieder los. Sie überspringen die Zeit von 1350 bis 1650, als sei in diesen drei Jahrhunderten nichts geschehen. Nikolaus von Kues und Pico, Erasmus und Giordano Bruno fehlen völlig; Dante und Bodin kommen nur in dem Sonderkapitel über politische Philosophie vor. Sorgfältig ist dann wieder die Zeit von Descartes bis Kant behandelt; der Herausgeber Anthony Kenny hat diesen Abschnitt selbst geschrieben, offenbar um zu beweisen, daß die Argumente der Gründerväter der neuzeitlichen Philosophie weder den Segen des heiligen Thomas noch die Zustimmung Wittgensteins finden. In einer großen Zangenbewegung räumt er von Thomas und Wittgenstein her mit den Großen der modernen Philosophie auf, eine interessante Perspektive. Aber dann folgen wieder rabiate Eingriffe: Die Geschichte der Philosophie von 1800 bis 1950 wird in zwei Ströme aufgeteilt, in die kontinentale von Fichte bis Sartre und in die englische von Mill bis Wittgenstein.

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