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Rezension: Sachbuch : Aus der Idylle in den Schlachthof

  • Aktualisiert am

Peter Singer befreit das Tier und gibt den Menschen zum Abschuß frei / Von Christian Geyer

          Man hat sich daran gewöhnt, den Namen des australischen Philosophen Peter Singer mit einer laut tönenden Ethik-Debatte in Verbindung zu bringen. Das allein ist bereits verwunderlich. Denn Ethik ist von Hause aus nicht gerade ein Zugpferd der Öffentlichkeit. Schon das Lautmalerische des Wortes "Ethik" macht spitze Finger. Zwischen dem langgezogenen E und dem zuschnappenden Tick scheint irgend etwas zu fehlen; es ist, als sei das Wort gewaltsam zusammengefügt worden, unter Aussparung alles Vollen und Weichen, das eigentlich in die Mitte des Wortes gehört hätte und dort - in morphologischer Vorzeit - vielleicht auch einmal seinen Platz gehabt hat.

          So aber scheint dem Wort alles Wohlwollende und Versöhnliche abzugehen, sein schieres Aussprechen macht angst vor den vielen Richtigkeiten, die seine ausgestorbene Mitte umschließt und von denen man sich kaum vorstellen kann, daß man es gut bei ihnen haben könnte. Man sieht schmale Lippen und abgenagte Fischgräten. Leute, die noch atmen und sich bewegen, mögen denn auch fragen: Was mag einen Menschen antreiben, sich in seinem beruflichen Selbstverständnis als "Ethiker" zu begreifen? Was ist ihm zugestoßen, wenn er seine Befriedigung daraus zieht, sich mit erhobenem Krückstock an den Wegesrand zu stellen und die vorüberziehende Karawane des Lebens mit Schmährufen zu bedenken?

          Obwohl Peter Singer viel dafür tut, um dieses Klischee zu erfüllen, ist er nicht ins Abseits der öffentlichen Wahrnehmung geraten, sondern in ihr Zentrum. Der Aufmerksamkeitseffekt, der nicht vergehen will, verdankt sich Singers Dialektik von philosophischem Anspruch und antiphilosophischem Stil. Singer macht Schluß mit einer Philosophie, deren Zier die Bescheidenheit ist, in der die leisen Töne vorherrschen und von der man alles erwarten darf, nur keine feuerfesten Ergebnisse. Philosophie im Sinne Singers ist nicht länger ein Hain des einsamen Bedenkens von Aporien, sondern ein frisch gestrichener Tummelplatz für die ergebnishungrige Öffentlichkeit. Hier ist die Liebe zur Weisheit konsequent durch die Liebe zum Argument ersetzt. Überall sind Schilder aufgestellt, auf denen "klar und wahr" steht.

          An Klarheit herrscht tatsächlich kein Mangel in Singers Ethik. Von ihm ist nicht überliefert, daß er jemals "weiß nicht" gesagt hätte. Keine noch so knifflige Situation, die ihm nicht eindeutig lösbar erschiene. Weil sich Singer dann auch nicht scheut, sie tatsächlich zu lösen, macht es permanent "Rums" bei ihm. Dieses "Rums" und nicht etwa die Überzeugungskraft eines fein austarierten Gedankengangs bringt Singers Philosophie die Resonanz ein. Gegen seine Totschlagargumente wurde protestiert, wo immer in der Welt Singer auftrat. Daß nicht die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch, sondern erst Bewußtsein und Zukunftsplänen die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens begründe, ist eine brutale Setzung, mit der Singer das Töten von Neugeborenen und Kranken im Koma rechtfertigen will. Er lehnt es ab, dem Menschen seine Menschenrechte lediglich wegen seiner biologischen Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens zuzubilligen. Statt dessen übernimmt er die Rolle des Richters, der - mit dem fadenscheinigen Grund, Leiden zu verringern - von Fall zu Fall das Selektionsprinzip definiert. Sätze wie dieser haben Furore gemacht: "So scheint es, daß etwa die Tötung eines Schimpansen schlimmer ist als die Tötung eines schwer geistesgestörten Menschen, der keine Person ist."

          Reizvoller als eine wiederholte Auseinandersetzung mit den spektakulären Gehalten von Singers Ethik ist die Betrachtung seiner Methode. Da verliert einer immerhin nur deshalb den Verstand, weil er nichts als vernünftig sein will. So richtig erschließt sich dieses Phänomen erst, wenn man Singers Ethik des menschlichen Lebens an seiner Philosophie des Tieres spiegelt. Eindrucksvoll läßt sich dies jetzt an der völlig überarbeiteten Fassung von "Animal Liberation" nachvollziehen, des Manifests der sogenannten Tierrechtsbewegung, das Singer in seiner ursprünglichen Form vor zwanzig Jahren in Australien herausbrachte.

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