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Rezension: Sachbuch : Aus dem Mund der Überlebenden hört man das Echo ferner Kämpfe

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Die Forschung bringt die Quellen zum Strömen: Wie Südafrikas Historiker das eigene Land entdecken

          10 Min.

          Das Jahr 1994, als die ersten demokratischen Wahlen stattfinden konnten, markiert eine geschichtliche Zäsur für Südafrika. Die Geschichte der Apartheid erschien nun als abgeschlossene Epoche, der sich alsbald auch die Historiker annahmen. Die insgesamt siebzehn Universitäten Südafrikas verfügen über oft gut ausgestattete historische Institute; hier findet sich dieselbe Methodenvielfalt, wie sie die Forschung in Europa oder den Vereinigten Staaten kennzeichnet. Von eher konventionellen politikgeschichtlichen Darstellungen reichen die Forschungen über unterschiedliche Ansätze in Wirtschafts- und Sozialgeschichte bis zu sehr innovativen Arbeiten zur neuen Kultur- und Alltagsgeschichte. Einige exemplarische Arbeiten, an denen sich neuere Trends in der südafrikanischen Geschichtswissenschaft aufzeigen lassen, dürften auch deutschen Sozialhistorikern methodische Anregungen bieten.

          In ihrer Studie zum frühen Apartheidsstaat hat die Johannesburger Soziologin Deborah Posel sehr eindringlich und detailreich die Machtstrukturen im Apartheidsstaat am Beispiel der Zuzugskontrollen für Schwarze untersucht. Die Beschränkung der Freizügigkeit afrikanischer Arbeitskräfte, ein Versuch der Manipulation des Arbeitsmarktes, lag ganz im Interesse des Staates, der auf eine klare, auch territoriale Rassentrennung abzielte. Die Städte waren als Orte des "weißen Mannes" definiert worden, wo Schwarze sich nur dann aufhalten durften, wenn sie einen Arbeitsplatz nachweisen konnten. Gegen die künstliche Verknappung der Arbeitskräfte regte sich der Widerstand der Industrie, die längerfristig gut ausgebildete Stammbelegschaften aufbauen wollte. Da die Interessen ständig neu ausgehandelt werden mußten, blieben Schlupflöcher im Gesetzesdickicht frei, die einem Teil der afrikanischen Arbeitskräfte zugute kamen. Denn diejenigen, die in den Städten geboren und aufgewachsen waren, wurden bevorzugt eingestellt, so daß eine deutliche Hierarchie der Arbeitskräfte geschaffen wurde, bestimmte Afrikaner mithin durch die Apartheidsgesetze bessere und größere Chancen erhielten als andere - der Apartheidsstaat hielt ihnen geradezu die Konkurrenz ländlicher Mitbewerber vom Hals.

          Die Apartheid offenbart sich in dieser Perspektive als in sich widersprüchliches Herrschaftssystem, das einzelnen an unerwarteten Stellen Chancen eröffnete, wenn auch der repressive Charakter des Ganzen in Posels Buch auf jeder Seite unübersehbar zutage tritt. Posel vertritt die These, daß die Apartheidspolitik der fünfziger Jahre keine Umsetzung zuvor schon ausgearbeiteter Entwürfe war. Vielmehr beschreibt sie ein pragmatisches Vorgehen, das gleichermaßen die Sicherheitsbedürfnisse der weißen Minderheit wie auch die unterschiedlichen ökonomischen Interessen von Bergbau, Landwirtschaft und Industrie befriedigen sollte. Privilegien für Weiße und kapitalistische Erfordernisse sollten versöhnt werden. Der Staat und das staatliche Handeln stehen im Zentrum von Posels Interesse; sie steht damit für eine breite Richtung in der gegenwärtigen historischen und soziologischen Beschäftigung mit der Apartheid. Angesichts eines vor allem in den siebziger und achtziger Jahren geradezu ins Monströse gewachsenen Staates ist dies leicht zu erklären. Da der Apartheidsstaat ein eigentümlicher Zwitter zwischen kolonialer Herrschaft und modernem Interventionsstaat war, ist seine Analyse auch für eine vergleichend ausgerichtete Erforschung des modernen Staates von großem Interesse.

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