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Rezension: Sachbuch : Aufmarschplatz und Spielstätte

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Nicht nur das gesprochene oder geschriebene Wort vermag Auskunft über die Vergangenheit zu geben. Auch stumme Zeugen der Zeit haben mit beredtem Schweigen bisweilen viel zu sagen. Wie zum Beispiel das "Reichssportfeld" in Berlin. Zweifellos handelt es sich um ein "herausragendes Geschichtsdokument", ...

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          Nicht nur das gesprochene oder geschriebene Wort vermag Auskunft über die Vergangenheit zu geben. Auch stumme Zeugen der Zeit haben mit beredtem Schweigen bisweilen viel zu sagen. Wie zum Beispiel das "Reichssportfeld" in Berlin. Zweifellos handelt es sich um ein "herausragendes Geschichtsdokument", das bis heute mindestens Eindruck macht.

          Auch wenn man als Fußballfan nur Hertha BSC im Kopf hat oder etwa wegen des DFB-Pokalendspiels in Berlin ist - auf dem imposanten Gelände rund um das Olympiastadion fällt es nicht leicht, sich ganz im Hier und Jetzt zu verlieren. Fast zwangsläufig wird Vergangenes gegenwärtig, treten entsprechende Bilder vor das geistige Auge. So greift Erinnerung Platz, und zwar an jene Zeit, als die Arena zum Aufmarschplatz und der Sport zum Spielball der Politstrategen wurde. Schließlich handelt es sich um den Schauplatz der Olympischen Spiele von 1936, die bekanntlich nicht nur Jesse Owens, sondern auch Adolf Hitler eine Bühne boten. Schon aus diesem Wissen speist sich, auch nach 65 Jahren, eine Beklemmung, die der durchaus faszinierenden Empfindung von Größe und Weite eine gewisse Ambivalenz verleiht.

          Man kann sich ihrer Wirkung kaum entziehen: "Architektur im Spannungsfeld von Sport und Macht". Der Untertitel eines neuen Buches über das "Reichssportfeld" wäre also durchaus treffend gewählt, wenn die Autoren ihren Blick tatsächlich auf die "baulichen Anlagen" als solche fokussiert und sich nicht schwerpunktmäßig mit deren Geschichte beschäftigt hätten. Ebendies wäre allerdings wünschenswert gewesen, zumal erst vor Jahresfrist ein ganz ähnlich konzipiertes, zudem ausgezeichnetes Werk aus der Feder Volker Kluges erschienen ist.

          Dies freilich ist Wolfgang Schäche und Norbert Szymanski nicht anzulasten. Wie der Berliner Sportpublizist haben auch die Berliner Architekten und Bauhistoriker ein Standardwerk vorgelegt, das nicht zuletzt durch die bemerkenswerte Qualität seiner Illustration eine anregende Lektüre bietet. Ungeachtet einiger kleinerer Nachlässigkeiten - zum Beispiel: Coubertin war nicht der erste, sondern der zweite Präsident des Internationalen Olympischen Komitees - präsentiert sich eine umfassende und detaillierte Darstellung der Geschichte des "bedeutenden baulichen Dokuments des Nationalsozialismus", die sich keineswegs auf jene 16 Tage im August 1936 beschränkt. Der Blick reicht vielmehr dreißig Jahre weiter zurück, bis zu den ersten Überlegungen für die Errichtung eines "Deutschen Stadions".

          Der Bogen spannt sich bis in die unmittelbare Gegenwart. Gerade hinsichtlich der viel diskutierten Frage nach einem zeitgemäßen, "politisch korrekten" Umgang mit dem historisch belasteten Bauwerk sind die Autoren besonders kompetent. Sie gehörten einer Ende 1991 eingerichteten internationalen Arbeitsgemeinschaft an, deren dreibändige Expertise "politische, bauliche, gartengestalterische und nutzungsgeschichtliche Aspekte" umfaßte. Das Ergebnis ihrer "kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit" ist in die Planung des Umbaus zu einer modernen Arena eingeflossen. Ob der Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft gelungen ist, wird man spätestens im Jahr 2006 ermessen können. Dann wird die Fußballwelt im neuen alten Stadion zu Gast sein.

          ANDREAS HÖFER

          Besprochenes Buch: Wolfgang Schäche/Norbert Szymanski: Das Reichssportfeld. Architektur im Spannungsfeld von Sport und Macht, be.bra Verlag, Berlin, 160 Seiten, 59,90 Mark.

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