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Rezension: Sachbuch : Aufgeklärte Überzeugungstäter

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Die Bibel ist keineswegs von Gott diktiert, sondern nichts weiter als "eine Sammlung alter Schriften, deren Urheber nach dem Maß ihrer Erkenntnis von Gott und göttlichen Dingen geschrieben" haben. Jesus ist "ein wahrer Mensch wie wir gewesen", sein Vater war Josef. Er nannte Gott seinen Vater, wie es alle Christen im Vaterunser tun, eben im übertragenen Sinn.

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          Die Bibel ist keineswegs von Gott diktiert, sondern nichts weiter als "eine Sammlung alter Schriften, deren Urheber nach dem Maß ihrer Erkenntnis von Gott und göttlichen Dingen geschrieben" haben. Jesus ist "ein wahrer Mensch wie wir gewesen", sein Vater war Josef. Er nannte Gott seinen Vater, wie es alle Christen im Vaterunser tun, eben im übertragenen Sinn. Ein stellvertretender Sühnetod Jesu wäre überflüssig; hat uns doch Jesus gerade dadurch erlöst, daß er lehrte, gegen Gott könne man gar nicht sündigen. Auferstanden ist er nicht dem Fleisch nach, sondern dem Geist, wie es im ersten Petrusbrief steht. Der Jüngste Tag und sein Gericht beginnt da, wo ein Mensch anfängt, aus dem "Schlafe der bisherigen Irrtümer aufzustehen". Das ist, kurzgefaßt, das typische Glaubensbekenntnis eines Mannes, der sich aus der lutherischen Orthodoxie und dem Pietismus zur Aufklärung durchgekämpft hat: Johann Christian Edelmann. Er wurde durch seine Bücher wohlhabend. Ihre Inhalte waren aber so anstößig, daß sie auf Beschluß des kaiserlichen Bücher-Commisariats in Frankfurt 1750 feierlich verbrannt wurden. Bis zu seinem Tod mußte er für die Schublade schreiben.

          Diese und mehr als dreißig andere Persönlichkeiten stellt Graf Reventlow im vierten Band seiner "Epochen der Bibelauslegung" vor, der die Aufklärungszeit bis heute umfaßt, jeweils mit kurzer Biographie und Angabe der Bedeutung für die Exegese. So entsteht ein Bild der ganzen Epoche. Geradezu emblematisch für sie ist der Bericht in Edelmanns Autobiographie, daß ihm aus der entscheidenden religiösen Krise eine exegetische Einsicht heraushalf. Edelmann entdeckte, daß der Logos des Prologs im Johannesevangelium identisch sei mit der Vernunft. Bereits der Engländer John Toland hatte kategorisch erklärt, über die Göttlichkeit der Bibel entscheide die gottgegebene Vernunft und nicht die Autorität der Kirche; für ihre Auslegung gebe es keine anderen Regeln als für alle anderen Bücher auch. Das blieb die Überzeugung aller aufklärerischen Bibeldeutung.

          Der Kampf, der unter diesen Voraussetzungen begann und seither geführt wird, hat bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein nicht nur kirchliche Kreise in Atem gehalten, sondern die gesamte gebildete Welt. Nicht von ungefähr findet man unter den Persönlichkeiten, die Reventlow Revue passieren läßt, eine ganze Reihe von Namen, die sonst eher als Philosophen oder Literaten bekannt sind: Hobbes, Locke, Spinoza, Lessing, Herder. David Friedrich Strauß, der die Evangelien für "geschichtsartige Einkleidungen urchristlicher Ideen" hielt, war im neunzehnten Jahrhundert jedem Gebildeten ein Begriff. Tatsächlich konzentrierte sich die ganze Auseinandersetzung um die neue Art des Bibelverständnisses stets auf die Gestalt und Verkündigung Jesu. Ihre Schärfe bekam sie jedoch dadurch, daß es dabei nicht um eine rein historische Frage ging: Wer war Jesus wirklich? Es ging vielmehr darum, Jesus der Kirche zu entreißen und damit sich selbst aus ihren Fesseln zu befreien. Letztlich war die Deutung der Person Jesu ein Mittel zum Zweck, und dieser Zweck war die Emanzipation aus kirchlicher und staatlicher Vormundschaft.

          Zentrale Kapitel sind Hermann Samuel Reimarus und Gotthold Ephraim Lessing gewidmet. Reimarus schrieb in aller Heimlichkeit an einem großen kritischen Werk über die Bibel. Für die Veröffentlichung wollte er aufgeklärtere Zeiten abwarten. Die letzte Reinschrift des Werkes übergab sein Sohn 1814 der Hamburger Stadtbibliothek mit der Bitte, sie zunächst nur "geeigneten Männern" mitzuteilen. "Sollte sich aber eine Gelegenheit ereignen, und besonders wenn Schwärmer die Menschheit wieder in den Katholizismus zu stürzen drohen sollten, so möchte es wohl nützlich sein, sich ihnen mit einem solchen Panier der Freiheit entgegenzustellen."

          Das Manuskript wurde 1972 vollständig veröffentlicht, hatte aber nur noch historisches Interesse. Das war ganz anders, als Lessing seinerzeit Ausschnitte aus einer früheren Fassung des Werkes ohne Nennung des Autors publizierte. Es gab einen Skandal. Denn da wurde ein rein menschlicher Jesus vorgestellt, ein frommer Jude, der als Reformator der jüdischen Religion auftrat, Gottes- und Nächstenliebe predigte, aber daneben ein politisches Ziel verfolgte: die Römer aus dem Land zu treiben und sich auf den Thron zu bringen. Die Sache ging schief, aber damit wollten sich seine Jünger nicht zufriedengeben. Sie stahlen den Leichnam, interpretierten seinen Tod als Sühne und verbreiteten das Märchen von Auferstehung und baldiger Wiederkunft.

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