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Rezension: Sachbuch : Auf Stelzen zu schönen Werken

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Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit in Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur / Von Hannelore Schlaffer

          Belesenheit und Liebe zu den literarischen Werken sind - anders als erboste Schriftsteller und Kulturkritiker annehmen - bei den akademischen Literaturhistorikern nicht verlorengegangen. Doch geradezu verschämt verstecken sich jene Tugenden heutzutage hinter den nützlichen Informationen über die Bedingungen, unter denen die vergangene Literatur überhaupt erst möglich war, über den Markt, die Zeitschriften und anderen Medien, die die Literatur dem Publikum vermittelten, über die Lage der Schriftsteller, das Lesepublikum, die literarischen Vereine, das Mäzenatentum, über die politischen Umstände, auf die die Literatur reagierte, die Theorien, die sie trug. Der Weg zu den schönen Werken der Vergangenheit jedenfalls ist so lang geworden, daß es verzeihlich ist, wenn etwa ein Student in den fünf Jahren, die er Zeit hat, ihn zu durchwandern, bei der Dichtung selbst nie ankommt.

          Symptomatisch für diese von den Professoren selbstverschuldete Unlust ihrer Studenten an der Lektüre ist der sechste Band von Hansers Sozialgeschichte der Literatur über den "Bürgerlichen Realismus und die Gründerzeit". Er ist in seinem ersten Teil so ausgezeichnet wie in seinem zweiten unausgewogen. Von den knapp siebenhundertzwanzig Seiten Text befassen sich die ersten dreihundert mit den Präliminarien des poetischen Schaffens, mit den sozialen, politischen und theoretischen Prämissen, ehe unter den gattungspoetischen Rubriken "Drama, Lyrik, Novelle, Roman" eine zufällige Auswahl von Dichtern und Werken abgehandelt wird, die großen, Keller, Stifter, Raabe, die kleineren, Heyse, Geibel, Freytag, und viele ganz kleine, Saar, Kurz, Alexis.

          Sieht man davon ab, daß einige wenige Beiträge stilistisch auf Stelzen gehen, daß sie Wortschöpfungen und Komposita - "Kohärenzierung, Konsensbruch, Kosubjekt-Funktion, Evolutionsabnormität, Selbsterhaltungsinstrument" - erfinden, in deren Gelenken es arthrotisch knarzt, so breiten die Artikel des ersten Teils - sie unterrichten über den Begriff des Realismus, über Verbreitung und Rezeption der "realistischen" Literatur, über Arbeiterbewegung und -literatur, über Lehrprogramme für die Schule, über das Verhältnis der Dichtung zu den Naturwissenschaften - ihr großes Wissen aus, ohne in Informationen zu ersticken und ohne je gedankenlos zu werden.

          Die Einleitung des Herausgebers Gerhard Plumpe verankert den Begriff des Realismus, der bislang als Epochenbezeichnung und Tendenz wie eine einmalige, gerade erst dem neunzehnten Jahrhundert entsprungene, historische Erscheinung gehandhabt worden ist, in der Tradition, indem er darauf hinweist, "daß der Realismusbegriff offensichtlich das Erbe einer Zentralkategorie der abendländischen Poetik angetreten hat, die von der Antike bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein die Diskussion um den Wirklichkeitsbezug der Dichtung bestimmte: die Kategorie der Naturnachahmung, der Mimesis".

          Bei einer strikten Nachahmung der Wirklichkeit, so setzt Gerhard Plumpe seine Überlegung fort, müßte nun Schönheit als die Kategorie der Kunst par excellence preisgegeben werden. Das neunzehnte Jahrhundert erfindet sich darum den Begriff der "Verklärung", um so die Mimesis einer häßlichen Realität mit der klassischen Idee der Schönheit zu versöhnen. An solche Klärungen schließen sich Kapitel über die Ästhetik und Theorie der Literatur an, die allerdings viel zu ausführlich geraten.

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