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Rezension: Sachbuch : Auf dem Flur

  • Aktualisiert am

Philosophie der Sozialwissenschaft

          Der englische Philosoph Martin Hollis hat eine Einführung in Methodenfragen der Sozialwissenschaften geschrieben. Dabei ist ein gut lesbarer Text herausgekommen. Das allein genügt, um ihn zu empfehlen. Gehören methodologische Exerzitien doch oft zu den sterileren Übungen, in denen Proseminaristen klargemacht wird, daß sie in der Wissenschaft nichts geschenkt bekommen. Häufig nähren sie den Verdacht, in ihnen werde aufwendig jenes Regelwerk errichtet, dessen gezielter Verletzung dann die eigentliche Forschung gilt. Thomas Kuhn hat vor dreißig Jahren das Buch zu diesem Verdacht vorgelegt.

          Hollis versteht es, statt solcher abschreckender Aspekte die einladenden der Methodenlehre zu betonen. Das liegt nicht nur an seiner entspannten Schreibweise. Das liegt auch daran, daß er den einzelnen Disziplinen ihre "Logik der Forschung" nicht vorschreibt, sondern sie von ihnen abliest. Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts werden in Konzepte der rationalisierenden und empiristischen Tradition zurückverlängert. Prämissen statistischer Erklärungen erörtert der Text ebenso wie den ökonomischen Rationalitätsbegriff oder das ethnologische Problem des Verstehens fremder Kulturen. Zur Lektüre von Milton Friedman, Karl Marx oder Evans-Pritchard weiß er gleichermaßen anzuregen. Auch wer Wert auf die Frage nach der Wertfreiheit in den Sozialwissenschaften legt, findet sie hier noch einmal diskutiert.

          Der Begriff der Methode meint bei Hollis also weit mehr als die technischen Aspekte der Forschung. Er erstreckt sich auf ihre Grundbegriffe und das Bild, das sie sich vom sozialen Handeln macht. Am meisten wird der einladende Gestus des Buches aber von der Vorliebe seines Autors für unabgeschlossene Kapitel bestimmt. Geboten wird eine Einführung in Probleme, nicht in Gewißheiten der behandelten Fächer.

          Das Schema, dem Hollis bei der Anordnung dieser Probleme folgt, ist denkbar übersichtlich. Unterschieden werden einmal erklärende von verstehenden, zum anderen individualistische von holistischen Theorien. Über Sinn und Vollständigkeit dieser Oppositionen müßte man verhandeln. Hier erfüllen sie vor allem die Funktion, die Darstellung zu vereinfachen. Durch ihre Kreuzung ergeben sich vier Theorietypen. Illustriert werden sie durch den "methodologischen Individualismus" der Wirtschaftswissenschaften, den soziologischen Funktionalismus, Wittgensteins Konzept der Sprachspiele und den Begriff der sozialen Rolle. Es handelt sich also durchweg um gut abgehangene Theoriestücke. Hollis nimmt sie sich noch einmal vor, um zu zeigen, daß jede Methode voll anregender Übertreibungen steckt.

          Um solche Übertreibungen zu relativieren, pflegt er einen methodischen Liberalismus - den er dann schließlich selbst übertreibt. Gegenüber seinem Resümee möchte man doch gern darauf bestehen, daß der Mittelweg der einzige ist, der nicht nach Rom führt. Der Wunsch, das Erklären möge sich mit dem Verstehen und die individualistischen Akteurs - mit den holistischen Systemtheorien "mischen" lassen, liegt mit jener Kreuztabelle von Idealtypen über Kreuz. Denn sollte es sich tatsächlich um "Ideal-"typen handeln, verlören sie eben in der Mischung ihren Sinn. Die Extreme gleichen sich nicht aus.

          Abgesehen von diesem Hang zu "mittleren" Positionen liefert der Text gute Gründe, die Sozialwissenschaften an ihre Vergangenheit in der Philosophie zu erinnen. Einst wurden erkenntnistheoretische Fragen den Forschern als solche vorgetragen, deren Beantwortung aus ihren eigenen Disziplinen hinaus -, und ins philosophische Seminar hineinführt. Hollis verwendet sie eher dazu, die unterschiedlichen Fächer zum Vergleich ihrer Verfahren aufzufordern. Vielleicht hätte es deshalb sogar nahegelegen, neben dem Erklären und Verstehen auch dem Vergleichen eigenen Methodenrang zuzuschreiben. Nicht die Begründung oder Belehrung der Forschung ist bei Hollis das Ziel dieses philosophischen Vergleichs, sondern ihre Irritation. Der Philosoph erscheint als beweglicher Akteur auf den Korridoren der Fachwissenschaft; ohne Prokura, aber mit Schlüsseln zu allen Türen. Jeden Einführungskurs in die Wirtschaftswissenschaften, die Soziologie oder die Politische Theorie können die unaufdringlichen Irritationsversuche dieses Buches nur bereichern. JÜRGEN KAUBE

          Martin Hollis: "Soziales Handeln". Einführung in die Philosophie der Sozialwissenschaften. Akademie Verlag, Berlin 1996. 347 S., br., 38,- DM.

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