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Rezension: Sachbuch : Auch die Marx Brothers waren in Arkadien

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Kamerafahrten durch den Humanistenkrimi: Als Erwin Panofsky und Siegfried Kracauer von den Movies lernten / Von Ulrich Raulff

          12 Min.

          Im August 1932 begegnete Erwin Panofsky dem Tod. Auf Bornholm, wohin er sich "vor Hakenkreuz und Kunstgeschichte geflüchtet hatte", fand er die Zeit, sich in ein Bildmotiv zu vertiefen, das ihn seit langem beschäftigte. Es war das Thema des Grabes in Arkadien. Poussin hatte ihm seine klassische Form gegeben, wenige Jahre nachdem Guercino es als erster gemalt hatte. In einer idyllischen Landschaft, dem von Vergil ersonnenen Arkadien, entdecken Hirten ein Grab mit der Inschrift "Et in Arcadia ego". Bei Guercino erblicken sie einen Totenschädel, zu dem sich eine Fliege und eine Maus gesellt haben; bei Poussin studieren sie die Züge der Inschrift auf einem Sarkophag. Auch Panofsky, den sein insuläres Feriendasein an ein nördliches Arkadien erinnern mochte, faszinierte die lateinische Sentenz. Seit etwa zwei Jahrhunderten, so beginnt der Essay, der zu einem seiner berühmtesten werden sollte, haben wir uns daran gewöhnt, diesen Satz falsch zu deuten. "Et in Arcadia ego", so glauben wir, sei um ein Perfekt wie "fui" oder "vixisti" zu ergänzen. Es ist aber nicht das Wort eines Reisenden, der stolz verkündet, auch er sei in Arkadien gewesen. Das einleitende "et" bedeutet "selbst" oder "sogar": Selbst in Arkadien gibt es mich - den Tod. Panofsky führte seinen Beweis als Philologe und Grammatiker. Erst gegen Ende verwies er auf Guercinos Bild und den Totenschädel, der ihm bestätigte: "Et in Arcadia ego" war ein Sinnbild der Vergänglichkeit.

          Dreißig Jahre später und unter einem anderen Himmel, in Princeton, wo er seit einem Vierteljahrhundert lebte, "ins Paradies vertrieben", besann sich Erwin Panofsky von neuem auf das Motiv des Todes in Arkadien. Jetzt waren es nicht die Lettern auf dem Sarg bei Poussin, die ihn beschäftigten. Es war die Maus, die Guercino neben dem Schädel sitzen ließ. Aber eigentlich ging es um eine andere Maus, eine, die es gar nicht gab - jene Maus, die Michelangelo angeblich aus Marmor hauen wollte, aber nie ausgeführt hatte: "The mouse that Michelangelo failed to carve". Das Nagetier sollte, so Michelangelos erster Biograph, Ascanio Condivi, den Figuren der Tageszeiten in der Grabkapelle der Medici beigegeben werden: als Sinnbild der allesverschlingenden Zeit. Panofsky zeigte, daß Michelangelo hier aus einer sehr alten ikonographischen Tradition schöpfte. Er versäumte nicht, auf ein eben erst entdecktes Etruskergrab hinzuweisen, genannt "La tomba del Topolino", das Grab der "kleinen Mickey Mouse", an dessen Eingang eine "Grabmaus" Wache hielt. So endete - vorläufig - die Geschichte vom Grab im Traumland des Humanismus: mit dem Auftritt von Mickey Mouse. Auch sie war in Arkadien gewesen.

          Noch einmal tauchte das Grab in Arkadien auf, in einem späten Text, geschrieben kurz vor Panofskys Tod. Diesmal näherte er sich nicht mehr ehrfurchtsvoll wie der Hirte Poussins, der seinen Finger in die Lettern legt. Diesmal schrieb er selbst sein Epitaph. Panofsky, der Philologe, der gute Leser Vergils - in seinen Ohren klang bereits der Ruf, der nach seinem Tod durch Princeton schallen würde: Der große Pan ist tot! Immer dichter hatte er die Motive verflochten, bis am Ende alle arkadischen Welten, in denen er je gelebt hatte, Freiburg, Hamburg, Bornholm, Princeton, zu einer verschmolzen, bis Pan und Panofsky, Phantasie und Philologie zu einem wurden. Der Grundton freilich blieb ironisch, der Gestus ganz der des humanistischen Bildungsathleten: Wir springen - und stehen auf unseren Fußnoten.

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