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Rezension: Sachbuch : Archiv des Bösen

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Schwerte zu Schneidern: Die Wissenschaft hat einen Fall

          6 Min.

          Allein in diesem Herbst erscheinen drei Bücher über den Aachener Germanisten Hans Schwerte, der 1995 als ehemaliger SS-Hauptsturmführer Hans Schneider enttarnt wurde. Die gespenstische Wiederkehr der schon historisch fernen Vergangenheit in einer noch lebenden Person, die unheimliche Präsenz einer anderen Welt mitten in der vertrauten rief bei der deutschen und amerikanischen Presse eine Sensation hervor. Sie wird dort, wie es Sensationen zu ergehen pflegt, bald vergessen sein. In den - sachlich und emotional - betroffenen Disziplinen jedoch begann mit der Enthüllung erst die Arbeit.

          Die immer noch wachsende Reihe von Reden, Aufsätzen, Kolloquien, Sammelbänden und Monographien erweckt den Eindruck einer überhitzten "Schneider/Schwerte-Industrie". So viele Forscher drängen sich in diese plötzlich entdeckte Forschungslücke, daß sie mit Beweisstücken, Schlußfolgerungen, Mutmaßungen, Anklagen und Entschuldigungen schon wieder überfüllt ist. Vor wenigen Tagen erst hat der Politologe Claus Leggewie, Autor eines der drei Bücher ("Von Schneider zu Schwerte", Hanser Verlag), das letzte Kapitel seines Werkes vor dem Druck zurückgezogen: Aachener Kreise hätten ihm gedroht. Und Ludwig Jäger, Autor eines anderen ("Seitenwechsel", Wilhelm Fink Verlag), hat widersprochen und Leggewie bezichtigt, nachlässig gearbeitet zu haben.

          Hat sich Schneider, der in der SS-Abteilung "Ahnenerbe" großdeutsche Machtansprüche mit altgermanischen Kulturphantasien rechtfertigte, der den "Germanischen Wissenschaftseinsatz" in Nachbarländern leitete und medizinische Geräte für Menschenversuche im Konzentrationslager Dachau besorgte, hat dieser überzeugte Funktionär der nationalsozialistischen Welt nach ihrem Untergang nur den Namen oder auch Gesinnung und Charakter gewechselt? War es blanker Opportunismus, wenn Schwerte, der es in seiner zweiten Karriere bis zum Professor und Rektor brachte, sich als Beförderer einer linksliberalen Aufklärung ausgab? Oder wollte er durch solch forciertes Bekenntnis zur Demokratie seine verschwiegenen Untaten im Dritten Reich wiedergutmachen? Förderten "alte Kameraden" seinen Aufstieg?

          Wer kannte die wahre Identität des Mannes, der sein Leben doppelt lebte: zweimal die gleiche Frau heiratete, zweimal in Germanistik promovierte, zweimal für die Zusammenarbeit mit belgischen und holländischen Universitäten zuständig war, zweimal sogar dafür einen Orden erhielt - zuerst vor, dann nach 1945, zuerst unter dem Namen Schneider, dann unter dem Namen Schwerte?

          "Alle denkbaren Interpretationen des Falls sind durchgespielt", resümiert der Politologe Helmut König ("Der Fall Schwerte im Kontext", Westdeutscher Verlag), und dennoch gehen sie weiter. Sie erfassen jetzt auch die, die den Sachverhalt aufgedeckt hatten. Wurde Schwerte von Leuten enttarnt, die längst wußten, wer er wirklich war, und die ihr Wissen nur schrittweise preisgaben, um damit ihren Einfluß auf die Aachener Hochschulpolitik zu stärken? Dient die bereitwillige Empörung über Schwertes Doppelspiel den nachgeborenen Vertretern des Fachs dazu, ihr keiner Versuchung ausgesetztes Dasein in den gesicherten Verhältnissen der Bundesrepublik mit der Gloriole unerbittlicher Moralität zu schmücken?

          Kameraden und Großväter

          Über all diesen Fragen, Antworten und neuen Fragen ist das Doppelwesen Schneider-Schwerte zu einer allegorischen Figur geworden. Ihre akribische und zugleich spekulative Auslegung durch eine jüngere Generation von Philologen und Historikern läßt das Mittelmaß vergessen, das Schwerte als Gelehrter kaum überschritten hat. Die Vermutung, daß sich in den unter seinen beiden Namen erschienenen Schriften ein verborgener Zusammenhang auftue, hat ihnen ein unverdientes Nachleben beschert. Aus dem "innerlich tragenden Grund von Volk und Reich" wird nach 1945 die "abendländisch verpflichtete Wertverantwortung" - Kontinuität zeigt sich vor allem in der Vagheit der Begriffe, die sich um Übereinstimmung mit den Klischees der Epoche bemühen. Originell ist zweifellos die Biographie, obgleich sie als typisch für deutsche Lebensläufe im zwanzigsten Jahrhundert gelten soll (wie Claus Leggewie behauptet) oder für die Geschichte der Vor- und Nachkriegsgermanistik (wie Ludwig Jäger nachweist).

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