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Rezension: Sachbuch : Arbeitslehre braucht man nicht

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Überraschende und einfache Dinge: Neil Postman über die Erziehung

          Die Lektüre des Buches stimmt traurig. Dennoch darf man, muß man es empfehlen. Denn es öffnet die Augen für einige Wahrheiten, die einem nur deshalb überraschend vorkommen, weil Generationen von beamteten Pädagogikprofessoren bei dem Versuch, sie zu verstecken oder zu verschweigen, erfolgreich waren. Neil Postman zitiert eine verzweifelte Stimme, die sich über die pädagogische Marotte beklagt, "den ganzen Lehrprozeß auf eine Art automatische Reaktion zu verkürzen, eine perfekte Formel zu finden, die nicht nur an die Stelle der Kompetenz und Findigkeit des Lehrers tritt, sondern auch eine künstliche Aufnahmebereitschaft im Kind erzeugen soll". Das stammt aus dem Jahre 1918, hätte als Kritik aber genausogut auf die technisch anspruchsvollen Banalitäten gepaßt, mit denen die moderne Erziehungswissenschaft den Eltern, Schülern und Lehrern das Leben vergällt hat.

          Das Buch entfaltet und verteidigt nicht viel mehr als den Erfahrungssatz, daß Schule nur dann ein Mittel sein kann, wenn sie sich über den Zweck, zu dem sie dient, im klaren ist. Der Untertitel, der vom Ende der Erziehung raunt, ist insoweit irreführend, denn er spricht vom Ende im Sinne Schillers, meint also eher das Ziel und die Absicht als Stillstand oder Schluß. Die Schule darf nicht nur über Lerntechniken und Organisationsfragen reden, sie muß zunächst und vor allem erklären, wozu sie da ist. Und die Antwort, die sie auf diese Frage gibt, "hat nicht das geringste mit Computern zu tun, mit Prüfungen, mit der Rechenschaftsverpflichtung des Lehrers, mit der Klassengröße und anderen Details der Leitung einer Schule". Ob sie die Antwort findet, hängt davon ab, daß es ihr gelingt, eine von allen geteilte Erzählung über die Gründe zu entwickeln, aus denen man etwas lernen soll.

          Erzählung, das klingt harmlos, meint aber natürlich mehr als die Herzblattgeschichten der Regenbogenpresse. Eine Erzählung, so wie sie Postman will, hat etwas über den Sinn des Lebens zu verraten, Ideale zu propagieren, Visionen zu entfalten, Autoritäten zu schaffen und ein Gefühl für Zeit- und Zielbewußtsein zu vermitteln. Erzählungen entwickeln sich mit Hilfe der Geschichte und der Sprache, denn ein Fach zu kennen heißt, vertraut zu sein mit seinen Äußerungen und seiner Entstehung: "Die Astronomie besteht nicht aus Planeten und Sternen, sondern aus einer speziellen Art, über Planeten und Sterne zu sprechen, weit entfernt von derjenigen der Poeten." Sprache und Geschichte sind denn auch die vornehmsten Götter, für die Postman eintritt. Als guter Amerikaner hält er es mit den Griechen und Römern, ist also Polytheist.

          Die wichtigsten von diesen Göttern sind: Einsicht in die Vorläufigkeit der Erkenntnis; Verständnis dafür, daß wir nicht allein auf der Welt sind; Respekt und Sympathie für die Vielfalt der Kulturen, ihre Unterschiede und ihre Chance, sich gegenseitig zu bereichern. All das bewegt sich auf jener hohen Ebene, die in Deutschland traditionell den obersten Lernzielen vorbehalten bleibt. Sie ist so hoch und so abstrakt, daß Widerspruch kaum möglich, jedenfalls nicht üblich ist. Aufregender wird es dort, wo Postman handfeste Vorschläge macht und sich dazu auf seine eigenen Erfahrungen als Grundschullehrer beruft. Die Schüler sollen Theater spielen und Musik machen, sich überhaupt weniger mit dem Pensum beschäftigen und "etwas durchnehmen", zum Augleich dafür aber etwas mehr tun. Sein Lieblingsfach, bekennt er, sei das Bogenschießen: nicht, weil er die Schüler zu Kriegern ausbilden möchte, sondern weil er ihnen Disziplin, Präzision und Konzentration beibringen will.

          Das wäre Postmans Antwort auf die Frage: Wozu? Er beantwortet sie etwas anspruchsvoller, als es die deutschen Lehrplankonstrukteure gewohnt sind. Also kein kurzer Schluß von der Arbeit, die jeder irgendwann und irgendwie verrichten muß, auf das Fach Arbeitslehre in der Schule. Statt dessen die Anregung, solche Charaktereigenschaften auszubilden und zu trainieren, die einer braucht, um seine Arbeit zu tun, an ihr vielleicht sogar Freude zu haben. Und keine Angst vor dem Vorwurf, damit die sogenannten Sekundärtugenden zu pflegen: die braucht man nämlich überall, nicht nur, wie Oskar Lafontaine einmal bemerkt hat, zum Betreiben eines Konzentrationslagers, sondern auch zu seiner Befreiung.

          Wie alle Reformatoren kämpft Postman für die richtigen Götter, indem er die falschen vom Thron stößt. Der falscheste von allen ist der Götze der Technik, allmächtig und allgegenwärtig in seiner modernsten Form, dem Computer. Durch seine bloße Existenz erzieht er zu dem falschen Glauben, entscheidend sei das Mittel, das Programm, und nicht der Zweck. Die Lobredner des Programmierens setzen immer schon voraus, was im Unterricht, wenn er denn glückt, doch erst gelernt werden soll, die Neugier nämlich und das leidenschaftliche Interesse, einer bestimmten Frage nachzugehen. Der Witz der Pädagogik besteht darin, die Kinder zum Fragen zu bringen und auf die selbstgestellten Fragen möglichst intelligente Antworten finden zu lassen. Aber gerade dazu wissen die Anhänger der Medienerziehung und des Unterrichts im Programmieren nichts zu sagen. Sie setzen es einfach voraus.

          Um gute Schule zu machen, braucht man weder Expertenkommissionen noch die neueste Sprechakttheorie, keine Lehrstuhlinhaber und keine Curriculum-Institute. Die wenigen Neuigkeiten, mit denen sich die wissenschaftliche Pädagogik brüstet, haben den Aufwand, den man mit diesem Fach treibt, noch nie gerechtfertigt. Man sagt, daß jede Gesellschaft die Schule hat, die sie verdient. Das gilt jedoch nur dort, wo sie sich selbst um ihre Schule kümmert. Wenn die Gesellschaft die Erziehung an die Spezialisten delegiert, bekommt sie eine Schule, die schlechter ist, als die Kinder es verdienen. KONRAD ADAM

          Neil Postman: "Keine Götter mehr". Das Ende der Erziehung. Aus dem Englischen von Angelika Friedrich. Berlin Verlag, Berlin 1995. 247 S., geb., 36,- DM.

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