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Rezension: Sachbuch : Antiker Antisemitismus

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Peter Schäfer zeigt, wie aus schlechten Meinungen Vorurteile wurden

          Dieses Buch reiht sich in die lange Reihe der Werke ein, die sich mit antijüdischen Gefühlen, Meinungen und Handlungen in der Antike beschäftigen. Es schildert sie und ihre historische Herkunft und fragt, ob das schon Antisemitismus genannt werden könne. Im ersten Teil werden griechisch-römische Ansichten über die Juden besprochen, von ihrer angeblichen Vertreibung aus Ägypten über ihre der griechisch-römischen Antike fremde Gottesvorstellung, das Verbot des Schweinefleisches, das Halten des Sabbats und die Beschneidung bis zur Frage, ob sie in Rom Proselyten gemacht haben.

          Im zweiten Teil werden zwei charakteristische antijüdische Gewaltakte in Ägypten geschildert; der dritte Teil stellt die drei wesentlichen Konfliktherde vor: das hellenistische Ägypten, Syrien-Palästina und schließlich Rom. Zum Schluß folgen die Ergebnisse: Nicht erst im Mittelalter, sondern schon in der Antike könne man von dem sprechen, was später Antisemitismus genannt wurde und was der Autor auch so nennen möchte: Trotz mancher positiver Urteile über Juden und die jüdische Religion wurden ihnen in Ägypten und in der griechischen Welt, wenn es zu Kollektivurteilen kam, wegen der teilweise verleumderischen Vorstellungen, die man von ihnen hatte, in weitem Umfang Fremden- und Menschenfeindlichkeit vorgeworfen.

          Man betrachtete sie daher als Feinde der gesamten Menschheit, gegen die man vorgehen müsse, und diese Vorstellung diente, propagandistisch verbreitet, auch zur Durchsetzung konkreter politischer Ziele. In der römischen Kaiserzeit kam hinzu, daß das Judentum, ohne selbst missionarisch tätig zu werden, Anhängerschaft gewann und daher zusätzlich als Bedrohung empfunden wurde; zur Abneigung kam daher noch die Furcht hinzu. Diese Judenfurcht, die zu Judenhaß führte, gab dem Buch den Titel.

          Zu den Einzelheiten: Methodisch stellt sich das Buch zwischen die "substantialistische" und die "funktionalistische" Erklärung für den antiken Judenhaß. Die substantialistische Erklärung sieht die Ursache in der Fremdheit der jüdischen Religion und des Verhaltens der Juden innerhalb der antiken Welt, die funktionalistische hebt konkrete Anlässe, vor allem den Makkabäeraufstand hervor, die die Juden Sympathien gekostet hätten; der Autor erblickt im Ineinander von tatsächlichem Anderssein, von tendenziösen Verleumdungen - etwa angeblicher Eselskult und angebliche Menschenopfer - und konkreten politischen Situationen eine Einheit.

          Anschaulich werden die Vorgänge geschildert, die zur Zerstörung eines Tempels jüdischer Söldner auf der Nilinsel Elephantine 410 vor Christus führten, sowie die Streitigkeiten innerhalb Alexandrias in der frühen römischen Kaiserzeit zwischen Griechen, Juden und Ägyptern. In beiden Fällen spielte die Tatsache eine Rolle, daß die betreffenden Juden durch ihre Unterstützung einer neuen Fremdherrschaft, der Perser beziehungsweise der Römer, nun in Gegensatz zu den Ägyptern und Griechen gerieten, mit denen sie bisher friedlich zusammengelebt hatten. Gewiß zutreffend ist, daß der Ursprung des antiken Judenhasses entgegen einer früheren Ansicht, die ihn in Syrien und Palästina lokalisierte, in Ägypten zu suchen ist; das ist, wie vieles andere auch, ebenfalls die Ansicht israelischer Gelehrter wie Zvi Yavetz oder Bezalel Bar-Kochva. Ebenso gewiß ist er vom christlichen Antijudaismus zu unterscheiden, wobei die Ironie die ist, daß das Christentum anfänglich zu Recht nur als eine Variante des Judentums angesehen wurde und daß die Abneigung und die Verleumdungen, die den Juden galten, gleichermaßen die frühen Christen trafen. Vielleicht zuviel Mühe verwendet der Autor darauf, nachzuweisen, daß man den antiken Judenhaß Antisemitismus nennen könne und solle. Mit Zvi Yavetz würde ich eben diesen Begriff Judenhaß für ein Phänomen angemessener finden, das sich in spezifischer Weise von auch sonst anzutreffender Abneigung gegen andere Völker unterschied.

          Leider hat Schäfer die jüdischen Aufstände nicht in die Betrachtung einbezogen. Natürlich wäre das angenehm schlanke Buch dann bedeutend dicker geworden, und vielleicht hätte sich wirklich ein schwieriges Ursache-Wirkung-Problem erhoben. Daß aber der Sieg der Makkabäer über das Seleukidenreich oder etwa der von Josephus so eindrucksvoll, wenn auch tendenziös geschilderte "Jüdische Krieg" mit seinem unglaublich zähen Widerstand spezifische Auswirkungen auf das Bild der Juden gehabt hat, wäre einer Darstellung - oder gegebenenfalls Widerlegung - wert gewesen.

          Das Buch ist vorzüglich geeignet, als Einführung in das Thema zu dienen. Es ist klar geschrieben und aufgebaut und argumentiert durchsichtig. Es scheint für einen Leserkreis bestimmt zu sein, der wenig Voraussetzungen mitbringt. Alle Quellenzitate werden in Übersetzung geboten, griechische Wörter in Klammern in Umschrift, selbst Elementares wird mitgeteilt. Vor allem aber bekommt der Leser einen guten Überblick über die Sachverhalte und ihre Grundlage in den antiken Quellen. Gelegentlich wird deutsches Schuldgefühl ausgedrückt: Schon auf Seite 1 erfährt man, daß der Computer des Autors - eines "Deutschen, der kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs geboren wurde und die Geschichte des Judentums zu seinem Beruf machte", er ist nämlich Professor für Judaistik an der Freien Universität Berlin - das Wort "judenfreundlich" nicht kennt und statt dessen "judenfeindlich" als Korrektur vorschlägt, "because Germans never have been, and never are, friendly toward the Jews". Darüber könnte man streiten. Jedenfalls sollte man den Computer Mores lehren und das Buch ins Deutsche übersetzen. WOLFGANG SCHULLER

          Peter Schäfer: "Judeophobia". Attitudes toward the Jews in the Ancient World. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1997. IX, 306 S., geb., 23,50 brit. Pfund.

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