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Rezension: Sachbuch : Anthropologie? Haben wir hier nicht!

  • Aktualisiert am

Ein Leben ohne Musik sei ein Irrtum, hat Friedrich Nietzsche bemerkt. Gleiches gilt für eine Medizin ohne Anthropologie. Sie muß ihr Ziel verfehlen, denn sie kennt keines. Wer nichts vom Menschen als Ganzem weiß, vermag ihm nur schwerlich Gutes zu tun. Matthias Beck beklagt solchen Verlust in der Medizin. Ein ...

          Ein Leben ohne Musik sei ein Irrtum, hat Friedrich Nietzsche bemerkt. Gleiches gilt für eine Medizin ohne Anthropologie. Sie muß ihr Ziel verfehlen, denn sie kennt keines. Wer nichts vom Menschen als Ganzem weiß, vermag ihm nur schwerlich Gutes zu tun. Matthias Beck beklagt solchen Verlust in der Medizin. Ein Zerrbild? Nur allzu schnell gerät die ausschließlich naturwissenschaftliche Perspektive in Sackgassen. Ein Blick auf die gegenwärtige Debatte der Biopolitik beweist es. Wissenschaftler geben sich den Anschein von Nachdenklichkeit und räsonieren über die ethischen Herausforderungen des Fortschritts. Doch nicht selten sind ihre Äußerungen nur wenig fundiert. Wie sollten sie auch, wenn das Wissen vom Menschen - etwa aus Furcht, dem Vorwurf des Fundamentalismus anheimzufallen? - von vornherein ausgeklammert wird.

          Matthias Becks Buch zielt auf den Kern der gegenwärtigen Auseinandersetzung: embryonale Stammzellen, Präimplantationsdiagnostik, Klonen, Euthanasie. Der Theologe und Mediziner verweist auf einen blinden Fleck in der bioethischen Diskussion und entlarvt die "vermeintliche Wertfreiheit" der Wissenschaft. "Zwar sind die unterschiedlichsten ethischen Fragestellungen in der aktuellen Debatte schon häufig reflektiert worden, aber die Frage nach der jeweilig zugrundeliegenden Anthropologie kam dabei zu kurz." Kennt die Medizin den Menschen, dem sie helfen will? Die Antwort kann sie sich selbst nicht geben. Sie betrachtet den Menschen als physiologische Größe. Allenfalls noch läßt sie wissenschaftlich beschreibbare seelische Phänomene in Psychosomatik und Psychiatrie gelten. Da hilft auch die Bioethik nicht weiter.

          Beck hat die Literatur sorgfältig gesichtet. Es gibt kaum Veröffentlichungen zu den Zielen und anthropologischen Grundlagen der Medizin. Ein großes von Dan Callahan am Hastings Center in New York vor Jahren angeregtes Projekt bleibt eine rühmliche Ausnahme. Einen Mangel zu beklagen ist eines, ihm abzuhelfen ein anderes. Hier liegt genau die Stärke von Becks Ausführungen. Er erinnert an wesentliche Aspekte einer Anthropologie, die auch ontologische Fragen nicht umgeht. Das ist für die Ethik bedeutsam, denn "das Handeln folgt dem Sein, nicht umgekehrt". Beck verweist auf die überraschende Aktualität der Leib-Seele-Auffassung des Thomas von Aquin, die auf Aristoteles zurückgeht. Die Seele ist das Formprinzip des Leibes und nicht von ihm getrennt. Der Mensch besitzt eine Geistseele, die ihn vom Tier unterscheidet. Der Mensch ist als "Geistwesen" Person.

          Diese Anschauung ist im Blick auf die aktuelle Debatte mehr als bedenkenswert. Man staunt, wieviel Vernünftiges sich über die Seele aussagen läßt. Dabei serviert uns Beck nicht etwa abgestandene Scholastik. Im Gegenteil, diese Philosophie hat sich quicklebendig erhalten. Das demonstriert Beck am Beispiel des Erkennens, das auch jedem philosophisch Unbedarften einleuchten dürfte: Die Seele kann nur im Zusammenwirken mit der Sinnlichkeit zur intellektuellen Kraft werden, sie kann nur "im Leib erkennen" und sich "nur im Leib ausdrücken". Dabei argumentiert der Autor stringent und zeigt, was daraus folgt: "Von Anbeginn des Lebens ist die Geistseele direkt mit der Materie verbunden, die Materie selbst ist geradezu geronnener Geist." Dann kommt dem Embryo die Würde unmittelbar zu und ist nicht nur willkürliche soziale Zuschreibung.

          Was das für seine Schutzwürdigkeit bedeutet, liegt auf der Hand. Solche Anthropologie erweist sich als erstaunlich schlüssig im Vergleich zu allem, was sonst an Theorien derzeit aufgeboten wird. Das Konzept des Thomas, die Seele als inneres Formprinzip des Leibes zu denken, "hinterläßt die wenigsten Aporien". Das sollten auch Mandatsträger wissen. Andererseits hat gerade Thomas von Aquin das Problem der sukzessiven Beseelung aufgeworfen. Beck zeigt, wie auch ein großer Philosoph von der Naturerkenntnis seiner Zeit abhängig ist. Die Eizelle wurde erst im neunzehnten Jahrhundert entdeckt.

          Der Sinn der Sukzessivbeseelung erschließt sich überhaupt nur, wenn man sie sich wegdenkt: wann wird dann aus dem Samen ein Individuum? Die moderne Embryologie weiß es besser. Das menschliche Leben beginnt mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle. Das bezweifelt heute niemand. Dennoch glauben einige Wissenschaftler, daß die Abhängigkeit des frühen Embryos von der Umwelt, etwa vor der Nidation, seinen moralischen Status kompromittiere. Oder daß der Mensch, der frühe Embryo erst nach Nidation durch mütterliche Faktoren "angeschaltet" werde. Davon abgesehen, daß der Austausch mit der Umwelt schon im Eileiter beginnt, also schon Tage vor der Einnistung, sagen sie uns nicht, warum Dependenz eine anthropologisch relevante Kategorie sei. Warum viele Forscher die allfällige Konsequenz scheuen, den Embryo vorbehaltlos zu schützen, bleibt ihr Geheimnis. Wahrscheinlich liegt es an der weitverbreiteten Mode, anthropologische und ontologische Fragestellungen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ein unrühmliches Beispiel dafür sind die vielzitierten Ausführungen der Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard in dieser Zeitung.

          Wohin will Hippokrates? Mit den Zielen der Medizin befaßt sich der Autor im letzten Teil. Er streitet für einen unbedingten Schutz des Embryos und lehnt die intendierte Tötung am Lebensende ab. Beides kann er einleuchtend begründen. Das Buch kommt gerade noch recht, um in der aktuellen Debatte gehört zu werden. Allerdings hätte man dem Band einen Lektor gewünscht, der manche Redundanz gestrichen hätte. Abgesehen davon kann man von der Lektüre nur profitieren.

          STEPHAN SAHM

          Matthias Beck: "Hippokrates am Scheideweg". Medizin zwischen naturwissenschaftlichem Materialismus und ethischer Verantwortung. Schöningh Verlag, Paderborn 2001. 220 S., br., 25,40 .

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