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Rezension: Sachbuch : Anrühren bedeutet Glauben

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Vollkommenheit liegt im Detail: Vier Bücher zu Hans Holbein dem Jüngeren / Von Werner Schade

          6 Min.

          Man steht vor Bildern Holbeins voller Respekt. Die beiden Elemente, auf denen ihre außerordentliche Wirkung beruht, sind die Nahsicht, manchmal zum Schreckbild gesteigert, und die Verankerung in geistigen Begründungen. Beide Züge, Nahsicht und Bedeutungsgeladenheit, sind fraglos miteinander verbunden, erschweren aber die Arbeit der Interpreten. Anders als bei Dürer, der in sich ruhte, und bei Cranach, den wir uns vor der Kulisse des in mancher Hinsicht wenig bewegten Wittenberg denken, wechseln Auftrag- und Ratgeber im Falle Holbeins. Rascher Ortswechsel ist ein Bestandteil seiner Biographie. Dabei sind bereits Unterschiede deutlich zwischen den Aufträgen Baseler und französischer Buchverleger. Fast scheint es, daß Holbein unter extremen Bedingungen das Beste geleistet hat. Die "Bilder des Todes" für Melchior Trechsel in Lyon, das Londoner Gesandtenbild, das Dresdener Bildnis des Morette für französische Diplomaten am Hofe des Königs von England können in diesem Sinne aufgefaßt werden.

          Die in England im Vorjahr erschienene, jetzt auch im Paperback verfügbare, wohlrecherchierte Biographie von Derek Wilson trägt nicht zu Unrecht den Untertitel "Bildnis eines Unbekannten". Diesen Grad der Unbekanntheit teilt Holbein allerdings nahezu mit jedem Meister seiner Zeit. Geburtsdaten müssen erschlossen werden (und sind für Novizen des Fachs Gegenstand unablässiger, gereizter Betrachtung), Familiennamen fehlen (im Falle Grünewalds und des "Petrarcameisters" umstritten, im Falle Cranachs stillschweigend hingenommen). Bei Holbein ist der Spielraum gering, sein Vater ist eine festumrissene Künstlerpersönlichkeit. Die Schwierigkeit besteht hier darin, das Abspringen vom väterlichen Vorbild und vom Einfluß der Wahlväter, als die Burgkmair und Dürer (trotz des Gemeinplatzes der Unvereinbarkeit) zu gelten haben, genauer einzuschätzen.

          Einige Jahre steht neben Hans in Basel Ambrosius, der ältere Bruder, nicht weniger lebendig, doch nicht gleich erfolgreich. Äußerlich fügen sich beide Maler in die Familientradition, Hans behält das Wappen des Stierkopfs bei, das früher einmal als Hinweis auf die Herkunft aus dem Schweizer Kanton Uri galt. Im Unterschied zu Burgkmair und Cranach, deren gewählte Wappen auf ein modernes Künstlerbewußtsein deuten, fällt das auf. Daß bereits Schongauer mit Perugino, dem Meister Raphaels, bekannt war, ist eine gute Vermutung, im Falle Dürers und Bellinis und Raphaels bestanden Verbindungen. Bei Holbein, dem Vielgereisten, gehen die Belege nicht hinaus über die Bekanntschaft mit Quinten Massys, Lucas Horenbout und dem "Meister des Jean de Mauléon", einem französischen Buchmaler, wie Stephanie Buck in "Holbein am Hofe Heinrichs VIII." nachgewiesen hat. Dabei knüpfen seltene Figurenmotive Holbeins, wie längst bekannt ist, an Leonardo an, andere in ekstatischer Bewegung sollten aus dem Bildvorrat Raphaels kommen, ohne daß man sich das erklären kann. Der bekannte Zusammenhang der Architekturinventionen Holbeins mit Italien hat allein im Hinblick auf die Dienste Schweizer Söldner dort eine gewisse Erklärung. Das Wann und das Wie ist dann die Sache der Künstler.

          Das Einzelbild in diesem Werk ist immer ein besonderes Ereignis. Untersuchungen über Holbein aus dieser Perspektive liegen in zwei überarbeiteten Dissertationen vor. Verfasserin der einen ist die bereits erwähnte Stephanie Buck, Berlin, Verfasser der anderen, bereits 1993 in Bochum abgeschlossenen, im Vorjahr gedruckten Arbeit ist Stefan Gronert. Sein Gegenstand ist die Gruppe der gemalten Bildnisse des Erasmus von Rotterdam aus den Jahren 1523 und um 1532, die sich in Basel, Paris und New York befinden. Das Buch ist sorgfältig ausdeutend angelegt und besticht durch Zurückhaltung. Man wird bereichert, weil der Verfasser in keinem Punkt der Untersuchung die Schwierigkeit seines Vorhabens verhehlt, von der schon Wölfflin sprach.

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