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Rezension: Sachbuch : Anpasser von Anfang an

  • Aktualisiert am

Richard Leakeys Knochenarbeit auf der Suche nach dem Urmenschen / Von Josef H. Reichholf

          4 Min.

          Licht wird auf den Ursprung der Menschheit und ihre Geschichte fallen", schrieb Charles Darwin vor gut hundert Jahren. Als er 1871 sein Buch über die Abstammung des Menschen veröffentlichte, deutete vieles für ihn darauf hin, daß die Menschheit aus Afrika kommt. Heute sind wir uns dessen so gut wie sicher. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst von Richard Leakey und seiner Familie. Angetrieben von Darwins großartiger Idee, suchten die Leakeys. Fund um Fund holten sie jahrmillionenalte Knochen aus der afrikanischen Erde heraus.

          Die Knochen schaffen die "Fakten", zu denen die Theorien passen müssen. Aber man findet bekanntlich zumeist nur das, wonach man gesucht hat. Auch Leakey weiß um diese menschliche Schwäche. Sie hat lange Zeit seine eigene Suche gelenkt. Wer selbst in der Wildnis war und in der Gluthitze des kenianischen Nordens nach Fossilien grub, wird verstehen, warum die ach so raren Funde nicht nur zu persönlichen Erfolgserlebnissen werden, sondern in ihrer Bedeutung oft auch maßlos überschätzt worden sind. Das sei all diesen Feldforschern gegönnt; leisten sie doch buchstäblich die Knochenarbeit für Theoretiker, die danach anfangen können, mit den einzelnen Steinchen eines schier hoffnungslos unvollständigen Mosaiks ein schlüssiges Bild zusammenzusetzen. Richard Leakey kennt beides, die Feld- und die Denkarbeit. Und deshalb ist dieses Buch wohl auch ganz besonders vorsichtig geschrieben worden.

          Heute ist der größte Konkurrent der Fossiljäger nicht mehr der Fachkollege, der vielleicht einen noch schöneren Fund machen könnte, sondern das Genlabor mit seinen Techniken. Winzige Spuren von Erbsubstanz reichen bereits oder werden in Bälde genügen, um die Abstammungsverhältnisse zu klären. Zumindest scheint es gegenwärtig so. Leakey erlaubt sich nur sehr dezent, an der Allmacht dieser neuen Technik zu zweifeln, obwohl Zweifel durchaus angebracht sind.

          Unter diesen Voraussetzungen hat er sein jüngstes Buch über die Evolution des Menschen zusammengestellt. Es ist ein kurzes, prägnantes und interessantes Buch geworden. So lange hat Leakey sich nun mit der Evolution des Menschen befaßt, daß er jetzt glaubt, es wagen zu können, in die anderen Bereiche des Menschseins einzusteigen: in die Bereiche von Kunst, Kultur und Bewußtsein. Die Knochenstories, das weiß er wohl, haben ihren Reiz verloren. "Lucy" und der "Junge vom See" waren aufblitzende Feuerwerkskörper und spannende Geschichten zu ihrer Zeit. Längst hängen die Vorstellungen zum Werdegang des Menschen nicht mehr an den alten, unvollständigen Knochen.

          Die Forschung schreitet auf breiter Front voran. Moderne Computertechnik macht vergleichende Sprachanalysen möglich und vermittelt Vorstellungen von der Ausbreitung von Wörtern und Sprachen, wie wir sie von der Genetik in der Ausbreitung von Erbmerkmalen kennen. Feinstrukturanalysen der Schädelinnenflächen können zeigen, ob und wie das sich vergrößernde Gehirn gefurcht war und ob sich die rechte und die linke Hälfte unsymmetrisch auseinanderzuentwickeln begannen.

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