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Rezension: Sachbuch : Analphabeten können nur Stille Post abschicken

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Jack Goody untersucht den Medienwandel und fällt dabei jener Schriftkultur zum Opfer, die er beschreibt

          5 Min.

          In einer Zeit, in der Bildungsministerinnen fordern, das Lernen am Computer müsse in den Schulen der Normalfall werden, steht es den Kulturwissenschaften gut an, über die komplexen Mechanismen nachzudenken, die sich durch die Etablierung neuer Kommunikationsmedien ergeben. Dazu lohnt es sich, den Blick auf den bis ins vorige Jahrhundert fundamentalsten Medienwechsel zu richten: die Einführung der Schrift in zuvor schriftlosen Kulturen. Denn was die Schrift bewirkt, versteht nur, wer sich verdeutlicht, wie das Leben ohne die Schrift vor sich geht.

          Die faszinierende Möglichkeit mündlicher "Literatur" ist zunächst von der Homer-, aber auch von der nationalromantischen Sagenforschung aufgezeigt worden und hat dann im zwanzigsten Jahrhundert eine rege historische und ethnologische Suche nach oral poetry und beginnender Schriftlichkeit ausgelöst. In der anfänglichen Begeisterung für mediengeschichtliche Fragen, die auch vom Siegeszug der Massenmedien herrührte, zog man dann den Schluss, die Literarisierung einer Kultur sei nahezu automatisch die Geburtsstunde von Rationalismus, Demokratie, Geschichtsverständnis und anderen Segnungen. An der Verbreitung dieser Auffassung hat ein Aufsatz maßgeblichen Anteil, den der jetzt emeritierte Anthropologe Jack Goody zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Ian Watt im Jahre 1963 veröffentlichte: "The Consequences of Literacy".

          Goody hat das Thema seitdem in zahlreichen Feldstudien und Publikationen weiterverfolgt. Unterdessen haben sich allerdings auch Thesen etabliert, die er als "relativistisch" bezeichnet: Forscher wie Brian Street haben gezeigt, dass die Auswirkungen der Schrift stark von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängen. Und in postmodernen Theorien verschwimmen gesprochene Sprache und Schrift zu einem arbiträren Zeichensystem. "The Power of the Written Tradition" kann als Goodys ablehnende Antwort auf diese Tendenzen gelten, und darüber hinaus, wenn auch aus einzelnen Aufsätzen und Vorträgen zusammengesetzt, als Synthese seiner Forschungen zu Mündlichkeit und Schriftlichkeit.

          Goody sieht, wie der programmatische Titel ankündigt, die transformierende Macht des Schriftmediums überall wirken. Sie zeigt sich für ihn an so unterschiedlichen Aspekten wie Gedächtnis, Mythos und Ritual, Zeitauffassung, Kanon, Technik. Im letzten Kapitel des Buches sehen wir dann, dass diese "Macht" nicht nur indirekt, sondern häufig in den Machtverhältnissen selbst zum Ausdruck kommt: Die Kolonisierung war auch eine Alphabetisierung, und noch heute bedeutet der Zugang zur europäischen Schriftkultur in vielen Ländern den Eintritt in die Funktionselite.

          Goody hat dieses Potenzial der Schrift am eigenem Leib erlebt. Als Feldforscher hat er bei einem schriftlosen Stamm in Nordghana eine rituelle Rezitation schriftlich festgehalten und publiziert. War der vorgetragene Mythos zuvor in recht unterschiedlichen Versionen aufgeführt worden, so bezog man sich mit der Zeit auf Goodys Text, was zu einer Vereinheitlichung der Fassungen führte. Der Forschungsbericht war zum heiligen Text geworden, die Verschriftung hatte eine vorher nicht vorhandene Orthodoxie generiert.

          Dieses Beispiel steht auch für das durchgehende Anliegen Goodys, ein Vorurteil darin zu sehen, wenn man traditionelle Kulturen als statisch - oder in der Sprache der strukturalistischen Ethnologie als "kalt" - auffasst. In mündlichen Gesellschaften sind die religiösen Bräuche ungemein flexibel, im Gegensatz zu den Buchreligionen kommt es zu keiner rigiden Kanonbildung. Die Unmöglichkeit der materiellen Thesaurierung von Wissen und Traditionen bringt große Bedeutung und auch gewaltige Kreativität von Erinnerungsvorgängen mit sich.

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