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Rezension: Sachbuch : Analog ist besser

  • Aktualisiert am
          2 Min.

          Das offene Kunstwerk hat ein Problem. Denn wenn es wirklich nach allen Seiten hin offen ist, dann hat es auch keinen Boden mehr unter den Füßen und keine Wand zum Anlehnen. Im Falle der digitalen Literatur, die gerne als das offene Kunstwerk schlechthin präsentiert wird, heißt das: Am Ende erschlägt immer das Digitale die Literatur. Doch das ist ein Vorgriff im Argumentationsgang, der sich aus dem neuen Band der Zeitschrift "text + kritik" herauslesen läßt.

          "Digitale Literatur", so sein Titel, wird als Oberbegriff für konkurrierende Bezeichnungen wie Computerliteratur, Hypertext, Netzliteratur oder digitalisierte Literatur verwendet. In seinem Beitrag über "Autorschaft in digitalen Medien" leistet Gastredakteur Roberto Simanowski, der das maßgebliche Internet-Magazin für digitale Literatur (www.dichtung-digital.de) herausgibt, überzeugende Vorarbeit, indem er den Dschungel dieser neuen Literaturgattung und ihrer terminologischen Querelen lichtet. Man wünschte nur, er hätte auch bei der Auswahl der Texte dem Drang nach klärender Information nachgegeben, denn die Beiträge wollen sich in ihrer Gesamtheit nicht zu einem Überblick vereinen.

          Schon der zweite Beitrag beginnt damit, das Konzept der Bündelung durch Zerfaserung zu ersetzen: Robert Coover, einer der Großen der amerikanischen Postmoderne und Wegbereiter der Hyperfiction, stimmt einen Abgesang auf das literarische Wort in den digitalen Medien an. Das Goldene Zeitalter sei vorbei, so Coover. Der Eindruck setzt sich bei der weiteren Lektüre fort. Konnte sich auch der Nichtspezialist nach den ersten beiden Texten noch etwas unter "digitaler" Literatur vorstellen, so werden die Begriffe zunehmend schwammig und hermetisch. Es stehen spezifische Aspekte im Vordergrund, die auch mangels konkreter Beispiele ohne Vorkenntnisse kaum nachzuvollziehen sind.

          Mehr oder weniger unfreiwilliger Tenor der Aufsätze ist dabei, daß das eigentlich Literarische wegbricht, egal, in welche Richtung sich Leser oder Autor bewegen. Je mehr sich die Literatur vernetzt und auf die uneingeschränkte Kollaboration von Autorenkollektiven baut (sogenannte Mitschreibeprojekte), desto eher verabschiedet sich der ästhetische Mehrwert, und die vollkommene Aufhebung der Teilnahmebeschränkung am Kunstwerk kann nur entropisch zum absoluten literarischen Nullpunkt führen. Den dadurch bedingten Tod des Autors beschreibt Uwe Wirth euphemistisch als "Geburt des Editors". Komplexe Hypertextstrukturen andererseits lassen das Narrative und damit die Spannung verschwinden. Das Ergebnis ist, wie Karin Wenz in einer Analyse des Leseverhaltens am Computer beschreibt, im besten Fall eine spielerische Erkundung, in der Regel jedoch eher ein orientierungsloses Browsen oder gar verwirrte Langeweile. In der digitalen Poesie, die sich am besten mit technischen Spielereien und Multimedia aufladen läßt, tritt - anders als in der konkreten Poesie - die Sprache vor dem Flirren der Bilder zurück und flüchtet, wie Florian Cramer zeigt, in den universellen Zeichensatz ASCII oder gar in die Programmiersprachen selbst.

          Was bleibt ist vielleicht eine neue Form von Kunst, Literatur aber nur im Zustand einer fortschreitenden Selbstauflösung. Den Gegenbeweis durch überzeugende Kunstwerke bleiben die theoretischen Texte dieses Bandes größtenteils schuldig. Dadurch ermutigen sie nicht gerade dazu, einen der im ausführlichen Literaturverzeichnis angegebenen Links abzutippen. Doch davon sollte man sich nicht abhalten lassen, denn erst im Computer und im Netz kann digitale Literatur wirklich anfangen.

          SEBASTIAN DOMSCH

          "Digitale Literatur". Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Edition text + kritik, Richard Boorberg Verlag, München 2001. 137 S., br., 16,- .

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