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Rezension: Sachbuch : An der Riviera sind alle Badegäste Spione

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Schöne Aussicht bedeutet sehen und gesehen werden: Der alltägliche Sonnenkult in ethnologischer Beleuchtung

          3 Min.

          Sonnenbaden scheint so einfach: Man muß sich nur ausziehen und in die Sonne legen. Denkt man, bevor man Simone Tavenraths aufschlußreiches Büchlein mit dem Titel "So wundervoll sonnengebräunt" zur Hand nimmt, mit welchem die Autorin nichts Geringeres als eine Kulturgeschichte des Sonnenbadens vorlegt.

          Noch zu Anfang unseres Jahrhunderts war das Baden im Meer eine äußerst komplizierte Angelegenheit: Nicht nur Männlein und Weiblein tummelten sich (in voller Montur) an getrennten Strandabschnitten, sondern auch nach sozialen Schichten wurde differenziert - oft mit einem breiten Grenzstreifen dazwischen, auf daß "das strikte Verbot der Zurschaustellung körperlicher Blößen" befolgt werde. Diese Umständlichkeiten hatte dann eine stetig wachsende Zahl von "Lebensreformern" satt, die nicht nur auf ihrem Terrain die strikte Geschlechtertrennung abschafften, sondern bald auch auf sämtliche Badebekleidung verzichteten: Die Freikörperkultur war geboren. Diese Entwicklung stellt die Autorin in gebotener Kürze, aber sehr klar und in den Grundzügen vollständig dar, wobei sie der Darstellung des absurden Körperkults der Nazis angemessen viel Raum gibt.

          Was aber ist überhaupt die Motivation von Menschen, sich - ob mit oder ohne Kleidung - der Sonne auszusetzen? "Die Erfahrung des Braunwerdens ist eine der wenigen sozial akzeptierten Möglichkeiten der lustvollen Aneignung und Selbstvergewisserung des eigenen Körpers." Diese heute trotz Ozonloch und Hautkrebsgefahr immer noch vorherrschende hedonistische Erklärung war keineswegs zu allen Zeiten selbstverständlich. Noch bis weit in unser Jahrhundert hinein galt eine gebräunte Haut als Zeichen körperlicher Arbeit im Freien und daher als Makel der Unterschicht. Wer etwas auf sich hielt, stellte eine fürnehme Blässe zur Schau. Erst als die heilkräftige Wirkung des Sonnenlichts erkannt wurde, konnten auch gutbürgerliche Damen und Herren des "Licht-Luft-Sonnenbades" pflegen. Die eigentliche Wende kam aber erst mit dem Massentourismus zur Zeit des Wirtschaftswunders: Fortan galt eine Bräune "wie aus dem Urlaub zurück" als Zeichen des Wohlstandes, wurde die Haut zum Prestigeobjekt. Wer sich den Sommerurlaub an der Riviera nicht leisten konnte, versuchte wortwörtlich mit allen Mitteln, seien es "künstliche Höhensonne", Selbstbräunungscremes oder Karotinpillen, dem Trend zu folgen.

          Ein ausführlicher Abschnitt von Tavenraths Werk ist folgerichtig der Entwicklung der Methoden gewidmet, künstliches Sonnenlicht zu erzeugen. Von den Urahnen der Bräunungstechnik, die wahren Foltergeräten glichen, über die vorwiegend medizinischen Zwecken dienende, bis in die siebziger Jahre hinein verbreitete "Höhensonne" bis hin zur neuesten Entwicklung der Sonnenbankmode, der einem Rennwagen ähnelnden "Formula Uno", reicht der historische Rückblick. Hierbei gelingen der Marburger Kulturwissenschaftlerin brillante Analysen, etwa über männliches und weibliches Bräunungsverhalten: Während die Herren eher an den technischen Details der Geräte interessiert sind, machen Damen sich mehr Sorgen um Sonnenschutzfaktoren und "vorzeitige Hautalterung".

          Wie sieht also die Zukunft des Sonnenbadens aus? Werden wir alle nur noch, vom "Umweltstreß" geplagt, wohldosierte UV-Strahlung auf ferrarigleichen Ungetümen an unsere Haut lassen und die echte Sonne aus Angst vor Hautschäden links liegenlassen? Ganz so pessimistisch sieht Frau Tavenrath es doch nicht kommen; jedoch ist ein gewisser Trend zurück zur "blassen Haut als Schönheitsmerkmal" nicht zu verkennen.

          Die vorliegende Monographie ist aus einer Magisterarbeit im Fachbereich europäische Ethnologie entstanden, wobei der Überarbeitung leider auch zahlreiche Quellennachweise zum Opfer gefallen sind. Die Auswahlbibliographie bietet jedoch einen gewissen Überblick über neuere Literatur zum Thema, wobei begrüßenswerterweise auch Standardwerke zur Freikörperkultur, wie etwa Andritzky/Rautenberg, König und Ziegler, verzeichnet sind. Auch das hier erwähnte "Bestandsverzeichnis der Internationalen FKK-Bibliothek Kassel" zeigt, daß die Autorin sich in ihrem Fachgebiet auskennt. Leider gibt sie nicht an, ob sie diese wichtigste deutsche Spezialsammlung zum Thema Freikörperkultur auch selbst besucht hat. In der Bibliographie fehlt allerdings die epochale Arbeit von Giselher Spitzer: "Der deutsche Naturismus".

          Erfreulich sind weiterhin die zahlreichen, liebevoll ausgewählten Abbildungen, deren Bildunterschriften allerdings merklich vom Duktus des Haupttextes abweichen: Steht in diesem der wissenschaftliche Diskurs im Vordergrund, so wirken jene, wie auch die Kapitelüberschriften, bisweilen eher banal. Hier wird der schwierige Spagat zwischen strenger Wissenschaftlichkeit und der Ansprache eines breiteren Publikums deutlich.

          Dieses kleine, aber feine Werk zeigt in der Tat, was die Autorin demonstrieren möchte: daß "das scheinbar isolierte Thema des Sonnenbadens gesellschaftlich bedeutsame Kategorien wie Genuß, Gesundheit und Ökologie" berührt. "So wundervoll sonnengebräunt" möchte man jetzt auch sein: Für den Unterbacher See in Düsseldorf ist es jedoch ein wenig spät im Jahr.

          THOMAS FISCHER

          Simone Tavenrath: "So wundervoll sonnengebräunt". Kleine Kulturgeschichte des Sonnenbadens. Jonas Verlag, Marburg 2000. 128 S., Abb., geb., 34,- DM.

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