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Rezension: Sachbuch : An den kalten Kaminen der letzten Menschen

  • Aktualisiert am

Was die Natur zur Landschaft und die Moderne sinnlos macht - Rolf Peter Sieferle schreibt über die Energie: Ein feuriger Essay in drei Akten / Von Franziska Augstein

          11 Min.

          In ihrer Sehnsucht nach Arkadien vergessen die Menschen immer wieder, daß die Natur kein unberührter Ort mehr ist. Im Mittelmeerraum und auf den Britischen Inseln gab es dergleichen schon vor rund zweihundert Jahren nur noch fleckenweise. Der Mensch verändert die Umwelt, wo er hinkommt. Deshalb fällt es ihm schwer, sich als Teil der Natur zu verstehen. Lieber sägt er einen alten Baum ab, stellt sich auf den Stumpf und hält eine Rede über Naturschutz.

          Die junge Disziplin der Umweltgeschichte liegt an der Schnittstelle von Natur und Kultur. Seit rund zwanzig Jahren untersucht der Mannheimer Historiker Rolf Peter Sieferle das Terrain: Er ist da nicht nur Rüben und Ruinen begegnet, sondern auch mancher faulen Frucht, die gegen ihn geworfen wurde. In seinen bisherigen Publikationen befaßte er sich vor allem mit der Epoche seit der industriellen Revolution, mit einer Zeit also, in der die Menschheit sich über der Frage nach ihrem Verhältnis zur Natur zerstritten hat. Fortschrittsoptimismus und Traditionalismus gehen aufeinander los. In der Mitte zwischen den Fronten steht Rolf Peter Sieferle und erklärt: Den Anstoß des Streites, die "Moderne", gibt es gar nicht.

          Sieferle hält die Moderne für eine "Fiktion". Er unterstellt den Leuten, die darüber reden, daß sie den Begriff nach ihren je eigenen Anschauungen definieren und das nominell wertfreie Konzept mit ethischen Forderungen überfrachten: "Modern ist der jeweilige Status quo sowie die Überwindung dieses Status quo zugleich; es ist das, was geschieht, und zugleich das, was geschehen soll. Da man aber kein Wissen davon besitzen kann, wohin sich dieser Prozeß bewegt, ist ,modern' schlechthin alles, und das bedeutet: nichts." Indem er die Moderne abschafft, hat Sieferle sich viel aufgeladen: Jetzt muß er selbst zeigen, worin die Umwälzungen der vergangenen zweihundert Jahre denn bestehen. Dazu gehört, daß er der Epoche einen neuen Namen gibt: "Transformationsphase".

          Von der ist aber erst im letzten Kapitel seines Buches am Ende einer langen Entwicklung die Rede: "Rückblick auf die Natur" erstreckt sich nämlich von der letzten Eiszeit bis zum Treibhauseffekt. Und weil jede Seite des stilistisch hervorragenden, inhaltlich kühnen Essays die Lektüre lohnt, müssen auch die ersten Abschnitte des Textes besprochen werden. Sieferle schildert, wie die Menschheit vom Stadium der Jäger und Sammler zur Gegenwart marschiert ist. Sein Buch handelt weniger von der Naturgeschichte des Menschen, sozusagen vom zoologischen Standpunkt erzählt, sondern davon, wie die Umwelt die Gesellschaft prägt und wie die Gesellschaft ihre Umwelt in neue Landschaften verwandelt. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die verschiedenen Quellen, aus denen das Unternehmen Menschheit seine Energie bezieht. Letztlich dreht sich alles darum, wie soziale Verhältnisse von der Ausbeute verschiedener Energieressourcen geformt werden. Es geht um das Feuer der Steinzeitmenschen, die Sonne der Agrargesellschaften und die fossilen Energieträger, Erdgas, Kohle und Erdöl, die das Industriezeitalter unterhalten. Jedem der drei ist ein Abschnitt gewidmet.

          Jäger und Sammler lebten bekanntlich von der Hand in den Mund. Es ist hocherstaunlich, wieviel Energie in Kilojoule die Großwildjagd erbrachte: Tatsächlich war die Jagd so lohnend, daß unsere paläolithischen Vorfahren die einzige echte Freizeitgesellschaft waren, die der Globus je gesehen hat. Obendrein waren ihre Verbände von bis zu fünfzig Personen urdemokratisch: "Wird der Führer zu unverschämt", schreibt Sieferle, "so verläßt man die Gruppe und schließt sich einer anderen an." Nur wenn sie auf der Treibjagd Flächenbrände anlegten, veränderten die Steinzeitmenschen die Naturlandschaften ihres Lebensraums. Warum sie eines Tages dazu übergingen, im Schweiße ihres Angesichts das Feld zu bestellen, ist nicht zu verstehen und auch der Wissenschaft bis heute unbegreiflich.

          Mit der neolithischen Revolution vor rund zehntausend Jahren begann die Epoche, in der Kain den Abel erschlug. Die Kultivierung des Bodens rief die ackerbauliche Kulturlandschaft ins Leben. Die armen Kreaturen, die sich auf den Feldern abmühten, waren stets von Mißernten, von Hunger, Krieg und Pestilenz bedroht. Schlechte Lebensbedingungen verleiten die Menschen dazu, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. So neigte jede Agrargesellschaft zur Überbevölkerung. Vom Beginn der neolithischen Revolution bis zum Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts stieg die Zahl der Erdenbürger von rund fünf Millionen auf etwa 957 Millionen an. Die Energiequelle, von der ihr Überleben abhing, war die Sonne, welche die Saat zur Reife brachte. Der Prozeß ließ sich nicht beschleunigen: Das Solarenergiesystem setzte der Produktivität feste Grenzen. Das wiederum weckte den Erfindergeist. Eines der Ergebnisse war die Dampfmaschine. Die Menschen lernten, fossile Energie in mechanische umzuwandeln. Es war der Beginn der Industrialisierung.

          Diese Geschichte ist oft erzählt worden, selten aber so anschaulich und anregend wie bei Sieferle. Schon die schottischen Aufklärungsphilosophien teilten die zivilisatorische Entwicklung in drei Stadien ein, nur daß sie die "Subsistenz" des Menschen als Kategorie wählten, während heutige Umweltforscher Produktionsformen und Ressourcen erörtern. In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts versprachen Gelehrte wie Adam Smith und Adam Ferguson sich vom Stadium der "Handelsgesellschaft" den Anfang einer konsumträchtigen Zukunft. Sie hatten noch keine Gelegenheit, die Industrialisierung zur Kenntnis zu nehmen. Das geschah erst später - mit der Generation von Karl Marx. Es ist nicht ganz von ungefähr, daß Sieferle, der 1968 neunzehn Jahre alt wurde, in seiner ersten Publikation über "Die Revolution in der Theorie von Karl Marx" geschrieben hat.

          Das ausgehende achtzehnte Jahrhundert hingegen haderte mit der Überbevölkerung. Die Ländereien waren begrenzt, die Erträge der Landwirtschaft nicht unendlich steigerbar. Daran änderte auch der Kolonialismus nichts. So besaßen die Zeitgenossen ein unmittelbares Verständnis für das "Nullsummenspiel", dessen Regeln der Mathematiker Pierre Simon de Laplace 1796 beschrieb. Die Leute wußten: Was der eine hatte, daran gebrach es einem anderen. Die schottischen Aufklärungsphilosophien setzten auf die Verbesserung des Austauschs von Wissen und Waren. Stetiges ökonomisches Wachstum zu erwarten, wie es heute alle Industriestaaten tun, hätten sie für Wahnwitz gehalten.

          In Wirklichkeit und Vorstellung vollzog sich der Gang der vorindustriellen Welt also nach den Gesetzen des Nullsummenspiels, das heißt in Kreisen. Da gab es den Erntezyklus, die aristotelischen Gezeitenwechsel politischer Herrschaftsformen sowie das Auf und Ab von Krieg und Frieden, Hungersnot und Prosperität, welches Sieferle zufolge für die Wirtschaft in einem Solarenergiesystem typisch ist. Im "Rückblick auf die Natur" geht er darauf nicht ein, aber der Umstand, daß die Dynamisierung der Produktion im Industriezeitalter mit der Verbreitung einer Geschichtsauffassung einherging, die eine allmähliche Entwicklung von der Vergangenheit in die Zukunft postulierte, zählt zu den verblüffenden Koinzidenzen schehnissen der Universalgeschichte.

          Wie sehr vorindustrielle Gesellschaften in ihrer Dynamik beschränkt waren, illustriert Sieferle am Beispiel des Verkehrswesens: "So war es etwa im 18. Jahrhundert üblich, Kohle über einen Seeweg von 200 Meilen von Newcastle nach York zu transportieren, wobei die Ladung fünfmal umgeladen werden mußte. Dies lohnte sich offenbar, obwohl es lediglich 20 Meilen von York entfernt ebenfalls Kohlevorräte gab, die man jedoch auf dem Landweg hätte befördern müssen." Wo die Menschen wenig reisen, lernen sie wenig Neues kennen. Die Kulturlandschaften der Zeit, die Äcker und Weiler, die Städtchen und Wälder, die unsere Vorstellung von "Landschaft" prägen, waren ebendeshalb so vielfältig und - was Sieferle wichtig ist - so stilsicher angelegt, weil jede neue Generation sich in die regionale Tradition einlebte. Die Bauweise eines Schwarzwaldhäuschens stand damals nicht zur Disposition, und deshalb, da kann man Sieferle leicht folgen, ist es, mit heutigen Augen gesehen, schön.

          Die Industrialisierung verwandelte Teile der alten Kulturlandschaften in stinkenden, vergifteten Morast. Nachdem die Briten jahrhundertelang Raubbau an ihren Wäldern getrieben hatten, spazierten Admiräle der Royal Navy - unterm Beifall der Presse - an den Knicks entlang und drückten Eicheln in die Erde. Bis in die achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts wurden Nordamerikas Eisenbahnen mit Holz befeuert - so mag sich erklären, warum der erste Naturschutzpark, der Yellowstone Park, 1872 in Amerika eingerichtet wurde. In Europa entstanden in der Zeit die ersten Heimatschutzbewegungen. Es waren nicht nur reaktionäre Traditionalisten, die sich ihnen anschlossen. Die Verwandtschaft der Worte "konservativ" und "Konservation" ist freilich kein reiner Zufall.

          Wenn Naturschützer zu philosophieren begannen, dann waren sie in der Regel dem rechten bürgerlich-aristokratischen Lager zuzuschlagen: Die Fürsprecher der Unterprivilegierten haben naturgemäß andere Sorgen. Ausnahmen hat es natürlich immer gegeben, etwa einige utopische Sozialisten des neunzehnten Jahrhunderts oder Ästhetiker unter den Sozialisten wie den Designer William Morris (dessen Geschmack übrigens jetzt von vielen für reaktionär gehalten wird). Erst in unseren Tagen hat sich das geändert: In den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt hat die Linke auf einmal moralische Kapazitäten für Belange gehabt, die über soziale Gleichheit hinausgehen.

          Trotzdem werden die Grünen oft und gern mit dem Stempel der Reaktion versehen. Es mag daran liegen, daß eine unmittelbare Motivation für den Umweltschutz sich aus der Anschauung der zerbrochenen Landschaften ergibt. Der Horror vor der Naturzerstörung ist immer auch ästhetisch begründet, und wer danach redet, muß sich schnell fragen lassen, ob er etwa keine anderen Sorgen habe. Den Niedergang natürlicher Schönheit nimmt auch Sieferle schmerzlich wahr. Es ist ein Motiv, das unabhängig von der materialistischen Behandlung der Energiefrage immer dann in seinen Essay einfließt, wenn es um die Veränderung der Landschaft geht, die der Wechsel des Energiesystems mit sich gebracht hat.

          Für Sieferle besteht der große Unterschied zwischen dem Solarenergiesystem und der anschließenden "Transformationsphase" in dem Umstand, daß das erste - kosmische Katastrophen beiseite gelassen - "nicht zusammenbrechen" kann. Es sei mithin ein System, das "selbstordnenden" Charakter hat. Es bringt Krisen mit sich und setzt der menschlichen Entfaltung natürliche Grenzen. Ganz anders verhalte es sich indes mit dem Energiesystem, das auf der Ausbeute fossiler Stoffe beruht: Kohle, Erdöl und Erdgas werden irgendwann verbraucht sein. Seit die Menschheit sich deren Energie zunutze macht, lebt sie auf Raten. Und seitdem sie den Inhalt der Energieerhaltungssätze begriffen hat, fürchtet sie die Entropie. Diese Sorge ist mittlerweile auch schon mehr als hundert Jahre alt.

          Auch Sieferle rechnet mit der Entropie. Sie gibt ihm ein Argument an die Hand, ästhetische Vorbehalte gegenüber der Transformationsphase - alias Moderne - auf naturwissenschaftliche Füße zu stellen: Weil die Energieressourcen endlich sind, welche die industrialisierten Gesellschaften befeuern, betrachtet er das gegenwärtige System als vorläufig, und damit - darf der Leser schließen - ist es für den Umwelthistoriker diskreditiert. Mit der Moderne macht Sieferle an dieser Stelle kurzen Prozeß: "Die industrielle Revolution, die vor etwa zweihundert Jahren begonnen hat, ist noch immer voll im Gang." Das heißt, daß die entwickelten Länder seit zweihundert Jahren in der Gegenwart einer Revolution verharren. Jeder, der dachte, es sei endlich Zeit, die neue Ära zu etikettieren, hätte sich geirrt. Und niemand könne wissen, schreibt Sieferle, ob sie die Menschheit ans Licht einer technisch vervollkommneten Nutzung der Sonnenenergie oder in die Wildnis der Verteilungskämpfe treibe.

          Anhand der Roheisenproduktion zeigt er, daß sich das industrielle Wachstum nicht einmal von zwei Weltkriegen nachhaltig aus dem Takt bringen ließ. Wachstum, in der Industrie und im Konsum, widerspricht der Idee von Stabilität: Es ist die systemische Flucht nach vorn. Wachstum ist in Sieferles Augen grundsätzlich "Ausdruck eines Transformationsprozesses". Der Gedanke zieht einen zweiten nach sich: "Da dieser Grundsatz auch für die Gesellschaft gilt, muß der Schluß gezogen werden, daß eine ,Industriegesellschaft' im Sinne einer dauerhaften sozialen, ökonomischen oder politischen Struktur überhaupt noch nicht existiert."

          Das ist Sieferles alternatives Angebot zum betagten "Projekt der Moderne": eine Ungewißheit, eine prekäre Existenz in einem epochalen Zwischenreich. Der Autor beschreibt die Gegenwart als Wirrwarr von Möglichkeiten, in dem sich keine Vielfalt ausdrücke, sondern eine Homogenität der Beliebigkeit. "Die eigentliche schöpferische Kraft dieser Zeit liegt jedoch in der Gestaltung von Flüchtigem . . . Der einzige ästhetische Trost, den die Erzeugnisse der Architektur spenden, ist die Aussicht auf ihren baldigen Abriß." In der Wirtschaft regiere die Globalisierung, im gesellschaftlichen Leben die Abhängigkeit von anonymen Systemen.

          Im Namen der aufgeklärten Emanzipation seien die Menschen vom Regen in die Traufe geraten: "Per saldo hat in der Transformationsphase der Zwang zur Konformität, zur Eingliederung in umfassendere technische und bürokratische Systeme enorm zugenommen." Das kulturelle Leben sei weltweit auf einen durch das Fernsehen gestifteten Tiefstand eingependelt. Während die Bildung einst die Exklusivität der oberen Schichten zementierte, werde sie heutzutage "zur Privatangelegenheit". Ein Statussymbol sei sie nicht mehr - jeder Privatdozent kann ein Lied davon singen.

          Auch die Landschaft der Transformationsphase ist von der kulturellen Entropie nicht ausgenommen. Sieferle nennt sie "total", einen faden Kompromiß von Umweltverschmutzung und Umweltschutz, das Ergebnis von industrieller Verschmutzung mit gebremstem Schaum. Die Bundesrepublik führt er als Paradefall für eine Landschaftsgestaltung an, in der die einstige Vielfältigkeit von idyllischen Winkeln und verseuchten Halden der Erhaltung einer industriefesten Flora und Fauna gewichen ist. Überhaupt hält er die industrielle Produktion für weniger problematisch als den Müll, der in privaten Haushalten anfällt: "Die Haushalte spielen die Rolle eines Ortes, in dem Waren in Abfälle verwandelt werden." In der Bundesrepublik trifft es vielleicht zu, daß wir nicht im Smog, sondern im Müll ersticken werden. Aber weltweit? Wie steht es um den Dreck und das Gift, mit dem die Industrieanlagen der Erde aus vollen Rohren um sich schießen?

          Weil Sieferle sich das Motiv der Energie als Leitfaden genommen hat und mit langem Fernrohr nach einer Stabilisierung der Entwicklung Ausschau hält, sieht sein Essay über andere Bedrohungen der Umwelt hinweg. "Rückblick auf die Natur" ist kein Aufruf zum Umweltschutz. Es ist ein gewagter theoretischer Entwurf, eine erzählende Polemik, die auf kluge Weise einem kulturellen Mißbehagen Ausdruck gibt.

          Sieferle hat sich bemüht, seine Umweltgeschichte mit Niklas Luhmanns Systemtheorie zu unterfüttern. Folglich legt er in seiner Theorie auf Moral keinen Wert, sondern taxiert gesellschaftliche Institutionen auf ihre Fähigkeit zur Systemerhaltung. Das ist der Hintergrund seiner Version vom Zerfall der Werte: So ungewiß die Zukunft der Transformationsphase ist, so unverbindlich seien ihre "Regeln der Interaktion oder Kommunikation". Die Sache gelte nichts, die Verpackung alles: "Freiheit", "Gleichheit", "Individuum", "Diskurs", "Markt", "Demokratie": Diese Begriffe seien um so stärker, als "sie inhaltlich leer sind". Der Systemtheorie folgend, sieht Sieferle ihre Bedeutung darin, daß sie das Prozedere nicht behindern.

          Darum, was die Leute glauben, geht es bei dieser Art von Analyse nicht. Was Luhmanns nüchterne Argumentation auszeichnet, wirkt indes bei Sieferle ein Fortsetzung auf der folgenden Seite.

          bißchen frivol: Es gibt allzu viele Menschen jenseits der netten fetten Bundesrepublik, für die "Demokratie" nicht gar so inhaltslos ist. Bei der Schilderung der Gegenwart hat der Autor vor allem an der westlichen Welt Maß genommen. Passagenweise meint man sogar, eine Polemik auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik zu lesen. Das gilt nicht nur für die "automobilo-morphen" Räume der "totalen Landschaft" und die Unterschätzung der weltweiten industriebedingten Verschmutzung. Spricht er vom Staat, beschreibt der Autor einen Wohlfahrtsstaat nach deutschem Muster. Redet er über ästhetische Dinge, vermittelt er dem Leser den schlechten Geschmack, den er angesichts deutscher Piefigkeit auf der Zunge hat.

          Während seiner akademischen Sozialisation hat Sieferle eine Umwälzung der wissenschaftlichen Bezugssysteme erlebt. Zunächst vom Marxismus mitgerissen, scheint er bald entdeckt zu haben, daß er selbst andere Anliegen hat: Als die Postmoderne in Mode war, durfte man die Moderne ungeschoren für "überlebt" erklären. Das war der Ausdruck, den Sieferle 1984 in seinem Buch über "Fortschrittsfeinde" benutzte: Die Industrialisierung, stand da zu lesen, habe mit dem materiellen Massenelend auch "die Schönheit" beseitigt. Mit der ästhetischen Kritik nicht genug, schrieb der Historiker das Wesen der Moderne dem Teufel selber zu: "Der Nationalsozialismus entpuppte sich als gigantische Modernisierungsbewegung". Dergleichen sagt nicht, wer die Moderne für die Erbin der Aufklärung hält.

          1995 hat Sieferle "fünf biographische Skizzen" von Deutschen veröffentlicht, die er der "Konservativen Revolution" zuschlägt. Er wollte zeigen, daß die deutsche Rechte in der Weimarer Republik sich von der Technik das höchste versprochen und durchaus nicht nibelungentreu zur ruralen Idylle gestanden habe. In wenigstens einer Rezension wurde er dafür furchtbar geschmäht: Als verständnisvoller Exeget der Rechten, als Ewiggestriger, als hätte er versucht, den Nationalsozialismus zu exkulpieren. In Wahrheit sagte Sieferle nichts anderes als in seinem Buch von 1984. Aber das war im post-postmodernen Milieu offenbar nicht mehr akzeptabel. Die politischen Aspekte der Konservativen Revolution interessieren Sieferle wenig. Gleichwohl kennt er seine Pappenheimer. So einer verfällt nicht auf reaktionäre Utopien. Er selbst hat ja geschrieben, daß die ästhetische Kritik an der Naturzerstörung in Wahrheit die Trauer über den Verlust eines Genusses ausdrückte, der den minderbemittelten Schichten ohnedies versagt ist. Während er 1984 die Moderne in den Orkus schickte, plädiert er jetzt dafür, ganz von ihr zu schweigen.

          Das Lamento der Nostalgie würde Sieferle nicht anstimmen, aber Trauer empfindet er dennoch. 1984 hat er geschrieben: "Am Ende wird ebenfalls keine Naturschönheit mehr stehen, da ihr Substrat zerstört wurde. Der Unterschied liegt nur darin, daß man am Ende weiß, daß da etwas fehlt, und dies als Mangel empfindet. Vielleicht liegt darin ja der Sinn des ganzen Zivilisationsprozesses." Und in "Rückblick auf die Natur" steht der Satz, daß die "zerrissenen Städte mit ihren denkmal-geschützten Häusern so unwirklich und traurig" wirkten.

          Ob man Sieferles Attacke gegen den Begriff "Moderne" zustimmt, ist letztlich eine Anschauungsfrage. Solange die Historiker sich einig sind, daß die Welt seit der industriellen Revolution nicht mehr die alte war, ist es fast egal, mit welchem Namen man die Zeit danach belegt. Wirklich bemerkenswert ist freilich die Hitze, mit der Sieferle seinen Angriff reitet: als ginge es nicht nur gegen den falschen Ausdruck, sondern auch gegen die Zeit, die so beschrieben wird. Als aufgeklärter Zeitgenosse muß er sich die Nostalgie versagen, aber der Rest an unartikulierbarer Trauer mag die Quelle sein, aus der seine Energie zur Theorie und zur originellen historischen Darstellung sich speist.

          Rolf Peter Sieferle: "Rückblick auf die Natur". Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt. Luchterhand Verlag, München 1997. 233 S., geb., 38,- DM.

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