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Rezension: Sachbuch : Am schlimmsten ist der Rankenfüßer

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"Kein Parasit wird je zum Philosophen, aber täglich wird eine Unzahl von Philosophen zu Parasiten", frotzelte der Komödiendichter Paul Scarron vor 350 Jahren. Weit gefehlt! Der Leser von Ulrich Enzensbergers neuem Buch "Parasiten" weiß, daß der Parasit aus einem edlen Geschlecht stammt. Als hochgeachteter religiöser Beamter war er im alten Griechenland von der Aura des Heiligen umgeben.

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          "Kein Parasit wird je zum Philosophen, aber täglich wird eine Unzahl von Philosophen zu Parasiten", frotzelte der Komödiendichter Paul Scarron vor 350 Jahren. Weit gefehlt! Der Leser von Ulrich Enzensbergers neuem Buch "Parasiten" weiß, daß der Parasit aus einem edlen Geschlecht stammt. Als hochgeachteter religiöser Beamter war er im alten Griechenland von der Aura des Heiligen umgeben. Bei der öffentlichen Götterbewirtung schmauste er stellvertretend für die ganze Polis - ein mystisches Symposion von Gott und Mensch.

          Enzensbergers Erzähler schlüpft in die Rolle eines Parasiten, der die Geschichte seiner Dynastie erzählt. Dabei treibt er ein unterhaltsames Vexierspiel: als flinker Beobachter, geschwätziger Kuriositätensammler oder Chronist mit dickleibigem Foliantenwissen. Der Leser findet sich flugs im Dickicht wuchernder Assoziationen und Abschweifungen. "Wir bemühen uns hier nur um eine objektive Würdigung der Tatsachen", versichert der narrative Schmarotzer und dreht schwadronierend die nächste Volte.

          Schnell hatten die attischen Komödienschreiber den Parasiten für sich entdeckt und mit dem Typus des Schmeichlers vermischt. Das lateinische Lustspiel sattelte noch einen drauf, mit Kupplern und Kornwürmern, listigen Lügnern und Prahlhänsen. Seitdem ruht sein Ansehen auf tönernen Füßen, und der einstige göttliche Mitesser sieht sich immer wieder in die Defensive gedrängt. Heute halten wir nun die beredte Apologie des Parasitentums in den Händen. Nicht Erbschleicher oder Schmeichler sei er, beteuert der Chronist, sondern ein symbiotischer Feinschmecker, dem nichts angelegener sei als das Wohl des Wirtes. Einen ersten Rehabilitierungsversuch hatte der Parasit durch Plutarch erlebt, und für die spätrömische Zeit trat die Spezies aus dem Schatten einer Existenz als Geheimgesellschaft. Lukian nobilitierte die ganze Zunft. In seinem Streitgespräch "Der Parasit oder Beweis, daß Schmarotzen eine Kunst sey", verdeutscht von Christoph Martin Wieland, spricht er von der philosophischen Kunst der "Parasitik", dem vollendeten Epikureertum.

          Aber die Blüte sollte nicht lange währen. Das Mittelalter bevorzugte andere Obsessionen als die des Mitessers, und die Renaissance brachte ihn als ortlosen Haderer und Zauderer auf die Bühne, als heruntergekommenen Adligen. Den Aufklärern behagte der Parasit noch weniger. Linné leugnete gar seine biologische Sonderstellung und ordnete ihn unter "Würmer/Reptilien, nackt, ihrer Glieder beraubt" ein. Fälschlicherweise, wie später Zoologen feststellten; die Reputation war dennoch schwer beschädigt. Jeder wollte diesen vaterlandslosen Gesellen ohne Platz im Linnéschen System ausrotten. Die Naturwissenschaften befreiten den Parasiten bald vom Fehler Linnés. Die Heminthologie war geboren und beschäftigte sich nüchtern mit "Eingeweidewürmern". Dem Erzähler gefällt's.

          Bald wucherte aber der Begriff "Parasit". Seine terminologische Unschärfe ließ ihn zu einem Abstraktum werden, das zeitgenössischen Abhandlungen als Synonym für Krankheit galt. Aufwind erhielt diese Gleichsetzung durch die Choleraepidemien in Mitteleuropa ab 1821. Die unerklärliche Verbreitung der Cholera führte zu ihrer Einstufung als "miasmatischer Seuche", die sich über die Luft ausbreitet. Der Parasit lauerte plötzlich überall. Das verhalf ihm zu seiner anthropomorphen Laufbahn, konnte man ihm doch mühelos das vermeintlich Verschwörerische, Subversive, Gemeinschaftszersetzende, Wuchernde im imaginären Raum eines "Volkskörpers" anheften. Schon bei Herder lassen sich Sätze finden, die das Judentum in diesen Zusammenhang stellen - als "parasitische Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen". Die weiteren Karrieresprossen sind hinlänglich bekannt. Abgesehen davon, daß die Helminthologie unselige Metaphern in die Welt setzte, hatte sie enormes aufklärerisches Potential. Sie widerlegte die These von der Urzeugung, derzufolge alle Lebewesen aus dem Nichts geschaffen worden seien. Der Befund, daß Blasenwürmer die unreifen Jugendzustände von Bandwürmern darstellten, war ein exemplarischer Fall dafür, daß Lebewesen morphologisch völlig unterschiedliche Stadien durchlaufen können. Das Leben trat in seiner Wandlungsfähigkeit in Erscheinung. Pasteur räumte endgültig mit dem alten Glauben auf, indem er nachwies, daß selbst mikroskopische Lebewesen nicht ohne vorhandene Keime entstanden sein können.

          Enzensberger führt in der Maske des textschmarotzenden Erzählers von einer Aporie des Begriffs zur nächsten und nötigt dem Leser Verwunderung ob der Einbildungskraft des menschlichen Geistes ab. Einen empirischen Zugriff auf den Parasitismus in der Natur leistet dagegen Carl Zimmers Buch "Parasitus Rex", wenngleich die geschilderten Phänomene nicht weniger phantastisch anmuten.

          In einer Sprache, die ihre Anschaulichkeit nie durch mangelnde Präzision erkauft, breitet der Autor ein Kaleidoskop des Parasitismus in der Natur aus und macht augenfällig, daß dieser eine komplexe, hochentwickelte Form des Lebens ist. Die Fülle an Erscheinungsformen ist frappierend. Der Rankenfüßer Sacculina etwa beginnt sein Leben als freischwimmende Larve. Das weibliche Tier kriecht in den Panzer einer Krabbe und injiziert sich selbst unter Zurücklassen seiner Hülle in den Wirt. Als schneckenförmiges Wesen wandert es durch den Krabbenkörper an dessen Unterseite. Dort beginnt es zu wachsen und durchzieht den gesamten Wirt mit Armen, die die im Blut der Krabbe gelösten Nährstoffe aufsaugen. Durch einen mikroskopisch winzigen Schacht, den der Parasit in den Bauchpanzer des Wirts treibt, injiziert sich nun ein männlicher Rankenfüßer in das Weibchen. Die Krabbe wandelt sich daraufhin in ein neues Lebewesen, das nur noch damit beschäftigt ist, dem Parasiten zu dienen. Durch dessen Befall wurde sie kastriert, vollzieht aber ihr angeborenes Brutverhalten. Die parasitäre Nachkommenschaft erfährt die Bemutterung des Wirts.

          Milben, Fadenwürmer, Pilze, Viren oder entartete DNS - den Überlebensstrategien all dieser Parasitenformen sind keine Grenzen gesetzt. Jüngere Studien gehen einer Hypothese nach, die unser Bild der Evolution grundlegend erweitern könnte. An Schneckenarten, die sich sowohl durch Zellteilung als auch auf sexuelle Weise fortpflanzen können, ließ sich nachweisen, daß bei stärkerem Parasitenbefall ein größerer Evolutionsdruck in Richtung sexuelle Fortpflanzung herrscht. Der Vorteil der sexuellen Fortpflanzung liegt in der größeren Diversifizierung der Gene. Eines der großen Rätsel der Biologie, die Entstehungsgeschichte der Sexualität, könnte damit der Lösung näher gebracht worden sein: Sex als Waffe gegen Parasitismus.

          Die wenigsten Parasiten setzen ihrem Wirt so übel zu wie der Rankenfüßer. Meistens greifen symbiotische Mechanismen, die im Überleben des Wirtes das Überleben der eigenen Nachkommenschaft sichern. Der anfangs zitierte Scarron müßte sich heute von Biologen eines Besseren belehren lassen: Die Erkenntnis reift, daß der Parasit der beste aller Philosophen ist. Michel Serres hat ihm einen Essay gewidmet, in dem er darstellt, daß erst durch Störung und Intervention Beziehung gestiftet wird und Kommunikation zustande kommt: "Die parasitäre Beziehung geht dem Austausch generell voraus."

          "Nichts im Übermaß", denkt der Hakenwurm, wenn er sich genüßlich im Darm verbeißt. Parasitismus ist meisterhafte Nachhaltigkeit, vielleicht sogar eine Philosophie für unser Jahrhundert.

          BERNHARD MALKMUS

          Ulrich Enzensberger: "Parasiten". Ein Sachbuch. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001. 290 S., Abb., geb., 54,- DM.

          Carl Zimmer: "Parasitus Rex". In der bizarren Welt der gefährlichsten Geschöpfe der Natur. Aus dem Amerikanischen von Monika Curths. Verlag Umschau/Braus, Frankfurt am Main 2001. 271 S., Abb., geb., 49,- DM.

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