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Rezension: Sachbuch : Am schlimmsten ist der Rankenfüßer

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Enzensberger führt in der Maske des textschmarotzenden Erzählers von einer Aporie des Begriffs zur nächsten und nötigt dem Leser Verwunderung ob der Einbildungskraft des menschlichen Geistes ab. Einen empirischen Zugriff auf den Parasitismus in der Natur leistet dagegen Carl Zimmers Buch "Parasitus Rex", wenngleich die geschilderten Phänomene nicht weniger phantastisch anmuten.

In einer Sprache, die ihre Anschaulichkeit nie durch mangelnde Präzision erkauft, breitet der Autor ein Kaleidoskop des Parasitismus in der Natur aus und macht augenfällig, daß dieser eine komplexe, hochentwickelte Form des Lebens ist. Die Fülle an Erscheinungsformen ist frappierend. Der Rankenfüßer Sacculina etwa beginnt sein Leben als freischwimmende Larve. Das weibliche Tier kriecht in den Panzer einer Krabbe und injiziert sich selbst unter Zurücklassen seiner Hülle in den Wirt. Als schneckenförmiges Wesen wandert es durch den Krabbenkörper an dessen Unterseite. Dort beginnt es zu wachsen und durchzieht den gesamten Wirt mit Armen, die die im Blut der Krabbe gelösten Nährstoffe aufsaugen. Durch einen mikroskopisch winzigen Schacht, den der Parasit in den Bauchpanzer des Wirts treibt, injiziert sich nun ein männlicher Rankenfüßer in das Weibchen. Die Krabbe wandelt sich daraufhin in ein neues Lebewesen, das nur noch damit beschäftigt ist, dem Parasiten zu dienen. Durch dessen Befall wurde sie kastriert, vollzieht aber ihr angeborenes Brutverhalten. Die parasitäre Nachkommenschaft erfährt die Bemutterung des Wirts.

Milben, Fadenwürmer, Pilze, Viren oder entartete DNS - den Überlebensstrategien all dieser Parasitenformen sind keine Grenzen gesetzt. Jüngere Studien gehen einer Hypothese nach, die unser Bild der Evolution grundlegend erweitern könnte. An Schneckenarten, die sich sowohl durch Zellteilung als auch auf sexuelle Weise fortpflanzen können, ließ sich nachweisen, daß bei stärkerem Parasitenbefall ein größerer Evolutionsdruck in Richtung sexuelle Fortpflanzung herrscht. Der Vorteil der sexuellen Fortpflanzung liegt in der größeren Diversifizierung der Gene. Eines der großen Rätsel der Biologie, die Entstehungsgeschichte der Sexualität, könnte damit der Lösung näher gebracht worden sein: Sex als Waffe gegen Parasitismus.

Die wenigsten Parasiten setzen ihrem Wirt so übel zu wie der Rankenfüßer. Meistens greifen symbiotische Mechanismen, die im Überleben des Wirtes das Überleben der eigenen Nachkommenschaft sichern. Der anfangs zitierte Scarron müßte sich heute von Biologen eines Besseren belehren lassen: Die Erkenntnis reift, daß der Parasit der beste aller Philosophen ist. Michel Serres hat ihm einen Essay gewidmet, in dem er darstellt, daß erst durch Störung und Intervention Beziehung gestiftet wird und Kommunikation zustande kommt: "Die parasitäre Beziehung geht dem Austausch generell voraus."

"Nichts im Übermaß", denkt der Hakenwurm, wenn er sich genüßlich im Darm verbeißt. Parasitismus ist meisterhafte Nachhaltigkeit, vielleicht sogar eine Philosophie für unser Jahrhundert.

BERNHARD MALKMUS

Ulrich Enzensberger: "Parasiten". Ein Sachbuch. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001. 290 S., Abb., geb., 54,- DM.

Carl Zimmer: "Parasitus Rex". In der bizarren Welt der gefährlichsten Geschöpfe der Natur. Aus dem Amerikanischen von Monika Curths. Verlag Umschau/Braus, Frankfurt am Main 2001. 271 S., Abb., geb., 49,- DM.

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