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Rezension: Sachbuch : Als Küng mit dem Alfa durch Tübingen brauste

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Wie weit kann die Welt nach unten hin aufgelöst werden, fragt nicht Joseph Ratzinger, sondern Ernst Bloch im "Logos der Materie". Die kritisch gemeinte Antwort: man könne so lange auflösen, bis in der allgemeinen Nacht alle Katzen grau werden. Ja, bis überhaupt keine Katzen mehr übrigbleiben, indem ...

          Wie weit kann die Welt nach unten hin aufgelöst werden, fragt nicht Joseph Ratzinger, sondern Ernst Bloch im "Logos der Materie". Die kritisch gemeinte Antwort: man könne so lange auflösen, bis in der allgemeinen Nacht alle Katzen grau werden. Ja, bis überhaupt keine Katzen mehr übrigbleiben, indem alles Leben dem Erdboden gleichgemacht wird und der Erdboden selber, als subatomares Gefüge, weder Erde noch Boden bleibt. Ob es da nicht folgerichtig ist, wenn Spencer zwischen dem Zusammenwirbeln eines Haufens Staub und der Entstehung der Arten keinen Unterschied der "Entwicklung" sehe, fragt Bloch. Denn Entwicklung sei hier bloße "Integration" qualitätsloser Teile. Ein Mechanist sei eben notwendig "wertfrei", seine Art Konditionalismus mache ihn gegen Nacht- und Lichtgestalt gleichermaßen neutral.

          Hätten sich Bloch und Ratzinger in Tübingen, wo beide Ende der sechziger Jahre lehrten, nur öfter einmal zusammengesetzt und miteinander über Katzen geplaudert - sie hätten, selbst wenn es nicht gleich zu einer Männerfreundschaft gekommen wäre, manch einen gemeinsamen Ansatzpunkt für die Frage nach der richtigen Analyse der Welt entdeckt, und die katholische Kirche hätte, zumal in der Gestalt ihrer römischen Glaubenskongregation, seit den siebziger Jahren womöglich noch einmal eine ganz andere Ausprägung genommen. Denn wäre Bloch für Ratzinger damals in Tübingen nicht jenes Trauma geworden, das dieser als "Antlitz der atheistischen Frömmigkeit" de facto für ihn wurde - wer weiß, ob Ratzinger nicht als Gelehrter in Tübingen geblieben wäre, statt, vom Dauerkonflikt mit den Revoluzzern entnervt, ins ruhigere Regensburg zu wechseln und von dort aus über München den Weg nach Rom zu nehmen?

          Der Biograph John L. Allen legt diese Frage nahe, wie Ratzinger selbst sie schon vor Jahren in seinen Erinnerungen "Aus meinem Leben" (DVA, Stuttgart 1998) anzudeuten schien. Hatten in Tübingen bis dahin Bultmanns Theologie und Heideggers Philosophie den Rahmen des Denkens bestimmt, "so brach das existentialistische Schema fest über Nacht zusammen und wurde durch das marxistische ersetzt", schreibt Ratzinger. "Ernst Bloch lehrte nun in Tübingen und machte Heidegger als einen kleinen Bourgeois verächtlich." Jahre zuvor hätte man erwarten dürfen, "die Theologischen Fakultäten würden ein Bollwerk gegen die marxistische Versuchung bedeuten. Nun war das Gegenteil der Fall: Sie wurden zum eigentlichen ideologischen Zentrum." In seinem Tübinger Kampf gegen die "existentialistische Reduktion" des Christentums hatte Ratzinger nach eigenem Bekunden zunächst "sogar Gegengewichte vom marxistischen Denken her gesetzt, das ja von seiner jüdisch-messianischen Wurzel her durchaus auch biblische Motive verwahrt". Aber die Zerstörung der Theologie, die nun durch ihre Politisierung im Sinn des marxistischen Messianismus vor sich ging, sei ungleich radikaler gewesen, "gerade weil sie auf der biblischen Hoffnung basierte und sie nun dadurch verkehrte, daß die religiöse Inbrunst beibehalten, aber Gott ausgeschaltet und durch das politische Handeln des Menschen ersetzt wurde".

          Allen nimmt diese Erfahrung Ratzingers mit einiger Plausibiltät als eine Art Initiationserlebnis auf dem Weg zum defensor fidei, zur Frontstellung, zum kontroversen Ton. Zumindest dürfte es die Leidenschaft erklären, mit der Ratzinger in den Folgejahren die marxistisch inspirierte Befreiungstheologie trockenlegte. Etwas angestrengt wirkt dagegen Allens Ehrgeiz, "die Kluft zwischen Ratzinger vor und nach dem Konzil" zu dokumentieren. Zwar gelingt es ihm, "diese Dynamik des Vorher und Nachher" anhand der unterschiedlichen Studentenkreise zu illustrieren, die Ratzinger aufgebaut hatte und von denen der eine auf seine frühen Jahre in Bonn, Münster und Tübingen datiert, der andere auf seine späteren Jahre in Regensburg. "In den meisten Fragen ist die spätere Gruppe mit der früheren theologisch uneins", eine These, die Allen anhand "fünf von Ratzingers Schützlingen" veranschaulicht: Hansjürgen Verweyen, Werner Böckenförde, Vincent Twomey, Joseph Fessio und Christoph Schönborn.

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