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Rezension: Sachbuch : Als das Sein zum Seyn wurde

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Martin Heideggers Texte der "Besinnung"

          4 Min.

          "Hier wird nicht geheideggert", soll Martin Heidegger hin und wieder in seinen Seminaren gesagt haben, wenn einer der Teilnehmer dort allzu distanzlos in der eigenwilligen Diktion des Philosophen seine Gedanken zu formulieren suchte. Ob es richtig sein kann, beim Beschreiben dessen, was Heidegger wollte, auf seine Worte zu verzichten, ist allerdings eine berechtigte Frage. Keine Frage ist - wenn auch vielleicht etwas anmaßend -, daß es erlaubt sein muß, nach dem Vorbild Heideggers zu verfahren, wenn man in einen Text eindringen will, der die Summe eines über mehrere und entscheidende Jahre sich hinziehenden Nachdenkens enthält.

          Das Buch, das jetzt im Rahmen der Gesamtausgabe mit dem Titel "Besinnung" erschienen ist, versammelt eine Vielzahl von Texten, auch unterschiedliche Textsorten, Glossen und Gedichte, kleine Abhandlungen und Erinnerungen. Es umfaßt achtundzwanzig Abschnitte, dazu einen Anhang. Einige sind nur wenige Seiten lang, andere sind noch einmal in zahlreiche Unterabschnitte untergliedert. Doch nichts wirkt zufällig. "Besinnung" führt auf eine Baustelle des Denkens, aber nicht nur der Ton, erst recht die Absicht, die dort bestimmend ist, verweisen auf den Bau, der mit dem zehn Jahre zuvor geschriebenen "Sein und Zeit" ausgeführt und - nach Heideggers unterdessen gewonnener Einsicht - mißlungen war: Das sollte sich nicht wiederholen. Um jeden Verdacht der Kontinuität zurückzuweisen, schrieb der Autor jetzt das ominöse Wort, das er mit seiner Frage nach dem "Sinn von Sein" einst in das Konzept einer philosophischen Begrifflichkeit gebracht hatte, provokativ mit Ypsilon.

          Wenn Heidegger in das Denken eines Philosophen einführen wollte, nahm er gern ein oder zwei Sätze aus einer seiner Schriften heraus und interpretierte sie - und wie es den Anschein haben konnte, sie ganz allein. Das Handbuchwissen überließ er den Handbüchern. Aber zu Heidegger gibt es keine Handbücher. Und zu seinem Werk nach der Kehre, also nach seiner Abkehr von den mit "Sein und Zeit" auf einen Gipfelpunkt akademischen Philosophierens gebrachten Bemühungen um einen eigenen Denkweg, gibt es fast keine Sekundärliteratur.

          Seine Hölderlin-Studien etwa wurden lange Zeit gelesen, als habe Heidegger damit auf das Feld der Germanistik ausgreifen wollen, und entsprechend abschätzig fiel die Kritik daran aus. "Besinnung", dieser so spät erschienene Band 66 der Gesamtausgabe, zeigt auch, was einigen doch seit langem klar ist: daß es Heidegger im Bemühen um einige Gedichte Hölderlins um zwingende, aber unerprobte Wege des eigenen Denkens ging. In der Begegnung mit Hölderlin hoffte er sagen zu können, was er nach "Sein und Zeit" und der an dieses Buch sich anschließenden Geschichte nicht mehr glaubte unbefangen sagen zu können. Die Hölderlin-Studien sind nicht für die Hölderlin-Literatur wichtig, sondern für Heidegger.

          Ein charakteristischer Satz aus "Besinnung", der Heideggers Denken vorstellt, lautet: "Das ,Sein', wird so ,konstitutiv' als ,Werden' begriffen; da aber die Form des ,Werdens' die ,Zeit' ist, ergibt sich auf diesem machenschaftlichen Wege der Seinsauslegung ein selbstverständlicher Zusammenhang zwischen ,Sein' und ,Zeit' - Gedankengänge, die nichts gemein haben können mit dem, was unter dem Titel ,Sein und Zeit' anfänglich erfragt wird, Gedankengänge aber auch, die nichts ahnen können von dem, was sie übermächtigt hat: vom Sein als Machenschaft, die erzwingt, daß auch noch das Denken ihres Wesens von ihrer Art sei, was einen Zustand zur Folge hat, der diesem Denken, und das heißt der Metaphysik, versagt, auf die Wahrheit des Seyns jemals auch nur als Fragbares zu stoßen."

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