https://www.faz.net/-gqz-6q69m

Rezension: Sachbuch : Als das Sein zum Seyn wurde

  • Aktualisiert am

Das ist der Augenblick der Selbstkritik Heideggers. Er bekennt, daß er mit dem eigenen Werk Teil des Verhängnisses geworden war, dem er dadurch hatte entgehen wollen, daß er die Frage nach dem Sinn von Sein neu stellte. Doch "Sein und Zeit" war wirkungsmächtig geworden mit der in diesem Torso entfalteten Daseinsanalyse, deren Pathos - um das Mindeste zu sagen - als handlungsanleitend verstanden werden konnte. Sartre und der Existentialismus waren von Heidegger des Mißverstehens geziehen worden. Aber auch er selber war - den kritischen Impulsen seines Denkens folgend - sich selbst auf den Leim gegangen. Die Kulturkritik seiner Zeit und der ihm nächsten Autoren in dieser Zeit - Nietzsche, Spengler, Ernst Jünger - begreift er nun als aktuelle Steigerung jenes Machbarkeitswahns, den die Metaphysik in der Moderne gezeitigt hat.

Die Wahrheit des Seins zeigt sich, so Heidegger, nur vielleicht in dem, was ist. Das, was ist, lenkt allzuoft nur von dem ab, was wahrzunehmen wäre, wenn es um das Sein gehen sollte. Das Sein verbirgt sich also auch in dem, was ist. Wann es das eine tut und wann das andere, danach bilden sich die Epochen der Seinsgeschichte, die sich - wie in der Moderne - dramatisch steigern können. Die Metaphysik mit ihrer erstaunlichen Karriere in der europäischen Philosophie, später: der Wissenschaft, noch später: dem wissenschaftlich-industriellen Komplex, ist eine die Möglichkeit der Frage nach dem Sein verdunkelnde Epoche der Seinsgeschichte. Das Seiende mit seinen Angeboten an Beherrschbarkeit und Machbarkeit überdeckt alles. Auch die Philosophie wird zum Handlanger von Machenschaften, die ihr Ziel in einer immer weiter sich steigernden Ermächtigung der Machenden und Machthaber haben.

Nur die Erinnerung an Anfänge des Denkens, bei den frühen Dichtern besser aufgehoben als bei den frühen Denkern, gibt dem zur Besinnung Fähigen die Gewißheit, daß diese Epoche der Seinsgeschichte, die Metaphysik, nicht die ganze für den Menschen erreichbare Geschichte ist. Das "Sein", als Terminus der Philosophiegeschichte verstanden, versperrt den Zugang zur Frage nach dem Sinn von Sein, wie sie Heidegger in den zwanziger Jahren noch stellen zu können geglaubt hatte. Jetzt, in den dreißiger Jahren - und um eine furchtbare Desillusionierung reicher - versichert er sich bei Hölderlin, bei dem Dichter der griechischen Frühe mit dem Gespür für die seinsgeschichtliche Bedeutung der alten Götter, daß es eine andere Epoche der Seinsgeschichte gegeben haben müsse, eine Epoche, in der sich das Sein nicht verbarg, sondern zu erkennen gab.

Aber wie redet man darüber, ohne zugleich die Vorlage für Texte zu produzieren, die auch zu machen wären und sogleich in den Verwertungsprozeß der Welt der Machenschaften geraten? Welche Schwierigkeiten es bereitet, darüber zu reden, davon handelt das Buch "Besinnung". Im übrigen eignet dem Denken eine subversive Kraft, die imstande ist, die Festungen und Fassaden der Machenschaften zu destruieren. Das leistete Heidegger in seinen Nietzsche-Vorlesungen Ende der dreißiger Jahre. Philosophiegeschichtlich hatte er damit sein Engagement für den nationalsozialistischen Staat als Fehler eingestanden und widerrufen.

Die "Besinnung" zeigt auch, wie Heidegger zumute war, als er nach seinem Rücktritt vom Freiburger Rektorat mit seinem Denken ins Gericht ging. Man kann einwenden, das sei sehr abgehoben von dem geschehen, was um ihn herum los war und nach anderen, handfesteren Formen der Distanzierung von den Herrschenden verlangt hätte. Aber das kann man dem Philosophen als Bürger sagen, nicht dem Philosophen im Zuge seiner Selbstkritik. JÜRGEN BUSCHE

"Martin Heidegger Gesamtausgabe". III. Abteilung: Unveröffentlichte Abhandlungen. Band 66: Besinnung. Herausgegeben von Friedrich-Wilhelm von Herrmann. V. Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 1997. 437 S., br., 88,- DM; geb., 98,- DM.

Weitere Themen

Preisverleihung in Pandemie-Zeiten Video-Seite öffnen

Oscars 2021 : Preisverleihung in Pandemie-Zeiten

Wegen der Corona-Pandemie ist bei der 93. Oscar-Gala vieles anders als sonst. Unter anderem wurde sie von Februar auf April verschoben - und sie soll an mehreren Orten stattfinden. Für einige Nominierte hat die Ausnahmesituation aber vielleicht sogar einen Vorteil.

Topmeldungen

Heiteres Genie des Heldentums: Alexej Nawalnyj im Moskauer Anklagekäfig

Nawalnyj im Hungerstreik : Ein Skelett mit Humor

Der inhaftierte russische Oppositionelle Alexej Nawalnyj wird für seinen Witz und Mut von vielen Landsleuten bewundert. Bei einigen regt sich aber auch Neid. Jetzt haben sich russische Bürger seinem Hungerstreik angeschlossen.

Zum Aus der Super League : Die Revolution ist gescheitert

Die Fans laufen erfolgreich Sturm gegen die Super League. Der Schuss geht aber auch nach hinten los, weil die Möchtegern-Revolutionäre sich als Amateure erweisen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.