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Rezension: Sachbuch : Alles fließt, auch der Honig

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Im Zeichen der Pumpe - Joseph Beuys auf der documenta 1977

          "Ich hätte", äußerte Joseph Beuys 1986 in einem Gespräch, "das niemals als Skulptur selbständig verwirklichen wollen, sondern ich hatte ja damals die Möglichkeit, die Internationale Freie Universität auf der documenta auftreten zu lassen als Honigpumpe, und dann hab' ich gesagt: Gut. Dann bin ich mal hingefahren, hab' mir den Raum angesehen. Ich hatte zwei Alternativen, einen viereckigen Raum und einen, der so ein Halbring war, und dahinter war so eine Stelle, da hab' ich gedacht: Gut, hier kann man also auch ein Zeichen ausrichten für die Freie Internationale Hochschule, und dann können die Menschen unmittelbar um diese Honigpumpe herum die Honigpumpe als Grundidee verwirklichen, sowohl als Zeichen, als Maschine, aber auch geistig, indem sie hundert Tage da sich über ihre Ideen informieren, mit anderen Menschen zusammen sprechen, Verbindungen herstellen und so weiter."

          Joseph Beuys' "Honigpumpe am Arbeitsplatz", 1977 auf der documenta 6 realisiert, bestand - man vergißt es leicht - aus zwei Teilen: der kommunikativen Wirklichkeit der FIU und der zeichenhaft eingesetzten Installation. Der von Klaus Staeck herausgegebene Band dokumentiert vor allem die Maschine, die drei Zentner Honig aus einem Kessel siebzehn Meter hoch bis zur Lichtkuppel des Fridericianums und durch ein insgesamt 173 Meter langes System aus Röhren und Schläuchen pumpte. Die Fotografien von Gerhard Steidl sind allesamt am 28. Juni 1977 entstanden. Damals hatte Beuys Staeck und Steidl eingeladen, ihn bei der Pflege und Wartung der Honigpumpe zu begleiten. "Wortlos", so wird im knappen Vorwort berichtet, "führte er unsere Kameras zu allen Details seiner Installation, nur mit Gesten erklärte er ihre Funktion und Arbeitsweise."

          Die Schwarzweißfotografien, die zwanzig Jahre lang vergessen in einem Archivkarton gelegen hatten, erkunden nicht nur die Details der Apparatur, die Kabel und Schläuche, den Honigbehälter, die Pumpe und parallel zu dieser die beiden Elektromotoren, die durch eine 2,6 Meter lange Kupferwelle verbunden waren, die sich in einem Berg aus hundert Kilogramm Margarine drehte. Sie erfassen auch immer wieder Joseph Beuys inmitten dieser realen und zugleich symbolischen Maschine, wie er, scheinbar abwesend und ganz bei sich, neben der Pumpe hockt, wie er den Kopf auf das Aggregat legt und dem Fluß des Honigs lauscht, wie er etwas reguliert oder einfach dasteht, inmitten des zirkulatorischen Systems, das sich heute, in zerlegter Form, im Louisiana Museum im dänischen Humlebæk befindet.

          Einige wenige Aufnahmen zeigen auch den Raum der FIU mit einem Teil der Tafeln, die während der hunderttägigen Seminar- und Vortragstätigkeit entstanden und die heute in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen ausgestellt sind. An der Fensterseite dieses Raums war der Schlauch der Honigpumpe in vielfachen Windungen aufgerollt an der Wand befestigt, wo er, wie Caroline Tisdall es ausdrückte, den "Kopf der Biene" bildete. Im Anhang des Bandes befinden sich ferner sämtliche Materialrechnungen der von Beuys seinerzeit selbst finanzierten "Honigpumpe".

          Für Beuys, den Romantiker und Propagandisten des erweiterten Kunstbegriffs, zirkulierte die Idee der Arbeit durch alle Bereiche des Gesellschaftskörpers. "Die eigentliche Honigpumpe aber", so Beuys, "ist das Arbeitskollektiv." THOMAS WAGNER

          Klaus Staeck (Hg.): "Joseph Beuys -

          Honey is flowing in all directions." Steidl Verlag, Göttingen 1997. 96 S., Abb., geb., 48,- DM.

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