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Rezension: Sachbuch : Allah kennt die Seinen

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Aber auch Bernard Lewis weiß, wer die Araber sind / Von Dan Diner

          Bernard Lewis hebt defensiv an - und das nicht ohne Grund. Gängiger Stimmung nach scheint es zunehmend wenig opportun, sich ganz ohne Schutz salvatorischer Umständlichkeiten zum islamischen Orient zu äußern. So verweist der große Islamwissenschaftler und Orientalist gleich im Vorwort zur Neuauflage seines 1947 verfaßten, 1950 englischsprachig erschienenen und nunmehr überarbeiteten Buches auf die Fülle der Meriten hin, mit denen dieses Werk gerade in jenem Kulturkreis überhäuft wurde, von dem es handelt. Nicht nur in ein ganzes Dutzend westlicher Sprachen - auch ins Arabische, Türkische, Malaiische und Indonesische wurde es übertragen. Die arabische Fassung selbst stammt von zwei anerkannten arabischen Historikern und erntete in Ägypten hohes Lob. Dies habe freilich nicht sein Verbot in Pakistan verhindern können. Eine darin enthaltene respektlose Äußerung über den Propheten - ein Dante-Zitat, das Lewis ausgerechnet als Beispiel für die bigotten Vorurteile des mittelalterlichen Europa angeführt hatte - verhinderte sein Erscheinen. Und eine weitere Einschränkung führt Lewis an: In jüngster Zeit sei das Buch von, wie er anmerkt, "epistemologischer Seite" kritisiert worden - womit wir eigentlich schon beim Thema wären.

          Doch bevor sich Einwände "epistemologischer" Art einstellen, gilt es die Bedeutung des Buches herauszustreichen: Lewis Darstellung der arabischen Geschichte ist in der Tat als eines der wenigen Werke über den Gegenstand zu rühmen, denen es in angemessener Kürze epocheübergreifend gelingt, interessierte Laien wie ausgewiesene Fachleute gleichermaßen in Bann zu schlagen. Chronologisch angelegte Längsschnitte und thematisch relevante Vertiefungen werden derart gekonnt kombiniert und integriert, daß sich dem Leser die ganze Breite der arabisch-islamischen Kultur offenbart.

          Der Aufbau des Buches kann inzwischen als klassisch gelten. Daß er immer wieder Nachahmer findet, spricht für ihn. In zehn Kapiteln wird der Verlauf arabischer Geschichte periodisierend dargestellt - beginnend mit Arabien vor dem Aufkommen des Islam, seine kulturgeographischen, ethnographischen und linguistischen Voraussetzungen. Es folgt die Darlegung des geistigen und politischen Umfelds, in dem der Religionsstifter Mohammed als "Siegel der Propheten" wirkte, ebenso das Intermezzo der vier rechtgeleiteten Kalifen nach seinem Tode und die Ausbildung des arabischen Königreiches der Umaijaden. Um die ideologische, soziale, ökonomische und nicht zuletzt auch religiöse Unterscheidung der abbassidischen Herrschaft zu ihren Vorläufern herauszustreichen, wird das ihr gewidmete Kapitel als "Das islamische Weltreich" überschrieben. Damit verweist Lewis auf den Universalisierungsschub, der die Herrschaft des stärker nach Osten gewandten Bagdader Kalifats im Unterschied zur arabischstämmigen Aristokratie in Damaskus auszeichnete.

          In weiteren Kapiteln und in chronologischer wie systematischer Abfolge wird die Vielfalt des Islam, die Bedeutung der religiösen Heräsie als Ausdruck von Protest, Divergenz und Rebellion für seine hohe Zeit in mikrologischer Feinarbeit ausgelegt, um auf die Darstellung jenes kulturellen Synkretismus zuzusteuern, der für die arabisch-islamische Zivilisation insgesamt, vornehmlich aber für ihre Ausformung in Spanien signifikant ist. Daß sich daran ein Kapitel über die islamische Zivilisation im Sinne arabischsprachiger Kultur anschließt, Literatur, Dichtung und Philosophie eingeschlossen, verweist zudem auf das Assimilationsvermögen wie die Transferfunktion des Arabischen. Schließlich verschmolzen die Araber zunächst durch ihre militärische und politische Macht, später durch die Verbreitung ihrer Sprache und ihres Glaubens zwei bis dahin gegensätzliche Kulturen: Zum einen die vielfältigen mediterranen Traditionen Griechenlands, Roms und der nahöstlichen Kulturen, den Monotheismus eingeschlossen - zum anderen die Zivilisation des Iran mit ihren vielfältigen Kontakten zu den Hochkulturen des Ostens.

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