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Rezension: Sachbuch : Albdruck der Erinnerung

  • Aktualisiert am

Anita Lasker-Wallfisch läßt Gedächtnisballast ab

          "Ihr sollt die Wahrheit erben" - der Titel ist Programm. Er verspricht eine Aufrichtigkeit, die der Bericht von Anita Lasker-Wallfisch einlöst. Ihr Buch will von der Wahrheit zeugen. Es ist allgemein zugänglich und repräsentativ zugleich. Es ist ergreifend und dabei informativ. Es ist das Dokument einer entsetzlichen Wahrheit.

          Anita Lasker-Wallfisch erzählt von ihrem "ersten Leben", so nennt sie es. Und es fällt tatsächlich schwer, es einfach ihre "Jugend" zu nennen. Denn Anita wird 1925 von jüdischen Eltern in Breslau geboren, und so deckt sich ihre Jugend mit der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft im damaligen Deutschland. Ihren Eltern ist es 1939 noch gelungen, die älteste Tochter Marianne nach England in Sicherheit zu bringen. Sie selbst und die beiden jüngeren Töchter Renate und Anita bleiben in Deutschland zurück. Die Eltern werden 1942 deportiert und ermordet, und für die beiden Schwestern beginnt die Zeit dessen, was Anita Lasker-Wallfisch im nachhinein lakonisch das Leben "damals in Deutschland - als Jude" nennt. Die Stationen in Außensicht: Zwangsarbeit in einer Papierfabrik, Festnahme beim Fluchtversuch nach Frankreich, Gefängnis und Zuchthaus, Auschwitz, Bergen-Belsen.

          Bei ihrer Befreiung aus Bergen-Belsen ist Anita 19 Jahre alt. "Ich würde einiges darum geben, wenn ich wenigstens eine blasse Vorstellung davon vermitteln könnte, wie es sich anfühlte, befreit zu werden", schreibt sie. "Jahrelang waren wir durch alle Extreme von Emotionen gezerrt worden: Elend, Entbehrungen, Verzweiflung, Angst, Hunger, Haß. ( . . . ) Plötzlich war das alles zu Ende. ( . . . ) Ich war neunzehn und fühlte mich wie neunzig." Das ist Anitas "erstes Leben". Ihr zweites beginnt mit ihrer Ankunft in England im März 1946. "Aber das ist eine andere Geschichte."

          Anita Lasker-Wallfisch ist heute Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie hat ihre Kinder nicht in jüdischer Tradition erziehen können: "Der Bruch zwischen meinem ,ersten' und meinem ,zweiten' Leben war zu radikal." Auch über ihre Vergangenheit hat Anita mit ihren Kindern nicht sprechen können. "Naiv hatte ich geglaubt, daß unser Leiden das Ende aller Leiden gewesen sei, und wollte vor allem vermeiden, Haß in die Seele meiner Kinder zu pflanzen."

          Der jetzt als Buch vorliegende Bericht ist das Resultat ihres Versuches, das Schweigen zu brechen - ein halbes Jahrhundert danach. Er ist geschrieben ohne Haß und ohne Bitterkeit. In disziplinierter Nüchternheit beschreibt Anita Lasker-Wallfisch die eher kleinen Begebenheiten ihres langen Leidensweges: täglich ein Leben zu organisieren, das einzig darin besteht, auf "unerklärliche Weise" zu überleben. Dem nüchternen Klang ihres Berichts aber stehen die verzweifelten Stimmen der jungen Jüdinnen in den Originalbriefen an ihre Schwester Marianne in England gegenüber, die die Autorin in ihrem Bericht aufnimmt. Sie vermitteln die verletzten Gefühle und die tiefe Verzweiflung der Mädchen unmittelbar und unverfälscht. Und sie helfen, eine entsetzliche Wahrheit zu dokumentieren, für die es im Grunde "keine Worte gibt". KATRIN ADLER

          Anita Lasker-Wallfisch: "Ihr sollt die Wahrheit erben". Breslau, Auschwitz, Bergen-Belsen. Weidle Verlag, Bonn 1997. 221 S., br., 38,- DM.

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