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Rezension: Sachbuch : Abseits der großen Zahlen

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Ende der Stummheit: Joachim Rogall schreibt die Geschichte der Deutschen zwischen Polen und Litauen

          Es muß im Jahr 1284 gewesen sein. Ein Mann zog mit einer wundersamen Pfeife durch die Stadt Hameln, und alle Kinder kamen. Der Mann zog mit hundertdreißig Minderjährigen, so heißt es, zur Stadt hinaus: Er und die Unglücklichen wurden nie wieder gesehen.

          Das historische Ereignis, das der Sage vom Rattenfänger zugrunde liegt, ist ganz anders ausgegangen. Im wirklichen Leben dürften die "Entführten" in der Fremde ihr Glück gemacht haben. Der Rattenfänger soll ein Siedlungsorganisator gewesen sein, ein sogenannter Lokator, der im Auftrag des Bischofs von Olmütz junge Hamelner Bürger für die Ansiedlung in Mähren geworben haben soll. Nach einer anderen Version soll die Sage vom Exodus hamelensis auf die Abwanderung nach Pommern zurückgehen. So oder so, die Siedler wußten, was sie im Osten Europas erwartete: Privilegien, die Befreiung von Abgaben, nach westeuropäischen Rechtsformen neu zu gründende Siedlungen, Platz zum Wohnen und Land. Wohlstand, Freiheit, Selbstverwirklichung - sie hatten Grund, dem Rattenfänger dankbar zu sein.

          Der junge Historiker Joachim Rogall hat mit "Land der großen Ströme" den achten von zehn Bänden der "Deutschen Geschichte im Osten Europas" verfaßt. Das Buch ist lesenswert und hervorragend illustriert. Aber Titel und Untertitel lassen stutzen. Die Weichsel, die Memel - wirklich große Ströme? Und "Von Polen nach Litauen"? Die weitaus meisten der deutschen Siedler waren in Polen zufrieden; nach Litauen sind die wenigsten gegangen, wenngleich auch dort Städte wie Vilnius und Kaunas nach Magdeburger Recht gegründet wurden.

          Doch hier liegt schon der Kern eines Dilemmas: Ist "Deutsche Geschichte im Osten Europas" - eine Reihe, die noch in den achtziger Jahren von den Historikern Conze und Rhode konzipiert wurde - vor allem eine Geschichte der Deutschen und damit die Erinnerung an eine Epoche, die 1945 zu Ende ging? Oder ist sie die Geschichte vom Zusammenleben vieler Nationen, an das unter anderen Bedingungen angeknüpft werden kann?

          Rogall, der zugleich Herausgeber und Verfasser der meisten Kapitel ist, hat den zweiten Aspekt in den Mittelpunkt gestellt. Sein Beitrag über Polen vom Mittelalter bis zu den Teilungen ist streckenweise eine polnische Nationalgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Beitrags und der Beziehungen zu den deutschen Staaten. Diese Geschichte wiederum war, vor allem seit der polnisch-litauischen Union von 1569, die Geschichte eines Doppelreichs. Dessen litauische Hälfte reichte von der Ostsee bis fast zum Schwarzen Meer. Für diese nationalgeschichtliche Hinführung wird der Leser sicher dankbar sein. Das genannte Dilemma ist damit aber nicht behoben.

          Aus dem ersten Problem ergibt sich das zweite: Haben die Menschen des Mittelalters ihr Leben als Teil einer deutschen beziehungsweise polnischen Geschichte begriffen? Rogall weist immer wieder darauf hin, daß das mittelalterliche Nationsgefühl "weniger ethnisch-sprachlich, sondern vor allem politisch-dynastisch begründet" war. In diesem Sinne erscheint auch die Ostsiedlung weder als deutscher "Drang nach Osten" noch als "kolonisatorische Großtat des deutschen Volkes", wie polnische und deutsche Historiker sie jeweils beschrieben. "Vielmehr ging die Initiative zur Übernahme westlicher Entwicklungen im Falle Polens vom Lande selbst aus", schreibt Rogall. Westeuropäische - vielfach deutsche - Rechtsformen, technische und handwerkliche Fertigkeiten wanderten von West nach Ost. Es war damals im Grunde wie heute, der Unterschied ist nur, daß damals die Menschen mitwanderten, heute dagegen lediglich die Arbeitsplätze.

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