https://www.faz.net/-gqz-6qm6p

Rezension: Sachbuch : Abenteurer des inneren Lebens

  • Aktualisiert am

Psychoanalytische Wahlverwandtschaft: Der Briefwechsel von Alix und James Strachey

          6 Min.

          Bloomsbury, ihre gemeinsame Adresse im Universitätsviertel Londons, hatten sich 1911 zwei Dutzend Intellektuelle als Parole gewählt. Sie ist zur Chiffre für die englische Moderne im ersten Drittel dieses Jahrhunderts geworden. In Bloomsbury lebte und liebte man auf dem Kriegsfuß mit den viktorianischen Konventionen. Vor allem aber dachte man hier auch entschieden gegen den Strich.

          George Edward Moore, Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein, die Schule der philosophischen Sprachanalyse und des common sense, fand im Bloomsbury-Kreis ihre früheste und einflußreichste Hausmacht. Clive Bell und Roger Fry sorgten als Kunstkritiker und Ausstellungsmacher in den Jahren 1910-1912, die auch auf dem Kontinent für die Durchsetzung der abstrakten Kunst entscheidend waren, von Bloomsbury aus dafür, daß Europa für Matisse, Gauguin und Van Gogh, vor allem aber für Picasso nicht am Ärmelkanal zu Ende war. Daß schließlich Sigmund Freud 1938 London als Ort seines Exils wählte und daß sein Werk in die bis heute maßgebliche Londoner Ausgabe gerettet werden konnte, geht auch darauf zurück, daß die englische Avantgarde der Psychoanalyse Bloomsbury alsbald eingenommen hatte.

          Alix und James Strachey, Übersetzer und Herausgeber von Werken Freuds, Melanie Kleins und Karl Abrahams, spielten dabei als Mittler die entscheidende Rolle. "The Woolves" - Virginia Woolf und ihr Ehemann, der politische Publizist und Verleger Leonard Woolf, die eigentlich wenig von der Psychoanalyse hielten, aber zum Kern von Bloomsbury gehörten - hatten in ihrer "Hogarth Press" bereits 1924 Freuds "Collected Papers" in einer Übersetzung der Stracheys herausgebracht; und Melanie Klein war durch deren Vermittlung schon vor Freud in Bloomsbury heimisch geworden.

          Eine Art Londoner Schwabing? Ja und nein. Das Milieu war dem der Avantgarden in den Metropolen des Kontinents ähnlich, was die ausgeübten Tätigkeiten betrifft, doch stärker durch die soziale Oberschicht und deren typische Bildungsbiographien vereinheitlicht. Zu der Legierung von randständiger akademischer Intelligenz, wie sie sich in München, Wien und Berlin in diesen Jahren aus Exoten ihrer akademischen Fächer und Juden mit Berufsverbot rekrutierte, erweitert durch Künstler und die obligaten Flüchtlinge aus dem Kleinbürgertum, kamen in London Leute, die sich bereits mit den harten Fakten auskannten.

          John Maynard Keynes etwa, Autor von "The Economic Consequences of the Peace" (1919) und einer der Wortführer auf dem Gebiet der politischen Ökonomie dieser Jahre, hatte sich nicht erst durch seine unkonventionelle Ehe mit Lydia Lepokova, der Primaballerina des Diaghilev Balletts, für Bloomsbury qualifiziert. Mindestens so wichtig wie die antiautoritäre Sezession von Moral und Lebensstil der spätviktorianischen Gesellschaft war die Verabschiedung ihres Idealismus durch die vereinten Kräfte von Psychoanalyse, politischer Ökonomie, Sprachkritik und moderner Kunst.

          Im Stadtmuseum Weimar war vor einiger Zeit eine Ausstellung über die Bloomsbury-Gruppe zu sehen. Ihre Konzeption und Gestaltung stammte von der Frankfurter Psychoanalytikerin Rotraut De Clerck, die auch den Briefwechsel des Ehepaars Alix und James Strachey aus dem Amerikanischen übersetzt hat. Bloomsbury, strategischer Schauplatz für den Machtgewinn einer neuen Elite - das klingt nun freilich großartiger, als es seinerzeit wahrgenommen wurde. Denn die Helden auf diesem Feld waren Privatleute von bescheidenen Ansprüchen und Abenteurer vor allem des inneren Lebens. Darüber, wie über die Verknüpfung von Bloomsbury und Psychoanalyse, enthalten die Briefe, die die Stracheys in den Jahren 1924-1925 einander schrieben, ausführliche Nachrichten. Alix war während dieser Zeit Analyse-Patientin bei Abraham in Berlin, James war in London geblieben. Die beiden gehörten zur noch jungen scientific community der Psychoanalyse, unterwegs zwischen Wien, Berlin und London.

          Weitere Themen

          Von wegen Suppenkasper

          Essverhalten von Schulkindern : Von wegen Suppenkasper

          Die feinen Unterschiede der sozialen Schichten zeigen sich bereits in der Schulkantine – der Soziologe Pierre Bourdieu stellte fest: Mitlieder einer sozialen Klasse teilen kulturelle Vorlieben sowie auch Geschmacksurteile.

          Topmeldungen

          Wegbereiter eines großen Erfolgs: Almamy Toure (Mitte) lässt sich von Timothy Chandler feiern.

          2:0 gegen Leipzig : Frankfurt stoppt den Tabellenführer

          Ein Sieg wider die Gerechtigkeit: Die Frankfurter Eintracht besiegt das lange überlegene Team von RB Leipzig dank einer Leistungssteigerung in Halbzeit zwei. Touré ebnet den Weg. Und der Spitzenreiter stolpert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.