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Rezension: Sachbuch : '72 vergaß sie der Weihnachtsmann nicht

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Gustav Schmoller bescherte die Armen vom Katheder / Von Andreas Platthaus

          Nach seinem Tod wurde der Doyen von seiner Disziplin schleunigst vergessen. Gustav Schmoller hatte die deutsche Nationalökonomie seit 1872, als er den prestigeträchtigen Lehrstuhl an der neugegründeten Reichsuniversität in Straßburg annahm, dominiert, wie es vor oder nach ihm keinem mehr gelingen sollte. Und nicht nur in wissenschaftlichen Fragen hatte sein Wort Gewicht. Als Herausgeber der "Acta Borussica" war er zum inoffiziellen Staatshistoriker Preußens geworden. 1882 ging er nach Berlin, wurde später Rektor der dortigen Universität, vertrat seine Hochschule im Herrenhaus und erhielt 1908 das Adelsprädikat. Genutzt hat es alles nichts. Sein Hauptwerk, der "Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre", 1900 bis 1904 erschienen, wurde zwar noch einmal, 1923 - und dann bis 1978 nicht mehr -, aufgelegt, aber im selben Jahr warfen die Herausgeber des "Handwörterbuchs der Staatswissenschaften" die letzte große Arbeit, seinen Beitrag über "Volkswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und -methode", die der bereits Fünfundsiebzigjährige noch 1911 überarbeitet und als Summe seines Denkens angelegt hatte, aus der Neuauflage des renommierten Sammelwerks. Das war der symbolische Todesstoß für Schmollers Lehre.

          Zugegeben, den methodologischen Schriften gehörte nicht die große Liebe des Gelehrten. Sein Name war zunächst verknüpft mit bahnbrechenden empirischen Studien. Schon bei seiner Berufung nach Halle, 1864, wurde dem jungen Wissenschaftler die Habilitation erlassen, weil seine gewerbestatistischen Arbeiten solch großes Aufsehen erregt hatten. Schmoller entwickelte sich zum Nachfolger Wilhelm Roschers, der als Ranke-Schüler dessen historische Methode in das in Deutschland gerade erst mit Friedrich List Bedeutung gewinnende Feld der Ökonomietheorie eingebracht hatte. Lists explizit gegen Adam Smiths Freihandels-Liberalismus entwickelte Konzeption vom geschlossenen Handelsstaat begünstigte die wirtschaftsgeschichtliche Forschung ebenso wie die deutsche Nationalbewegung, weil sich der zunächst nur abstrakt konzipierte Staat seiner historischen Wurzeln versicherte. Dazu zählte auch die Erschließung großer Aktenbestände wirtschaftlicher Provenienz, bei der sich die auf Basis von Roschers methodologischen Überlegungen arbeitenden Ökonomen besonders hervortaten. Für sie entstand die Sammelbezeichnung Historische Schule der Nationalökonomie.

          Schmoller aber setzte sich von Roscher ab; um ihn bildete sich die sogenannte Jüngere Historische Schule, deren Lehre das Kaiserreich prägen sollte. In seinem Beitrag zum Handwörterbuch erläuterte Schmoller die Unterschiede zwischen seiner Vorstellung und der der Älteren Schule in für ihn so typischen allgemeinverständlichen, fast banalen Worten: Sein Ziel sei, "zunächst nicht Lehrbücher, sondern volkswirtschaftliche Monographien über die großen Fragen der Gegenwart oder die wichtigsten Entwicklungsreihen der Vergangenheit bis zur Gegenwart zu schreiben". Natürlich hat auch er später mit dem "Grundriß" seinen monographischen Versuch gemacht, aber davor standen vier Jahrzehnte intensive Arbeit mit den Quellen.

          Und das Engagement im von Schmoller 1872 mitbegründeten und lange Zeit geleiteten Verein für Socialpolitik. Das Ziel des Vereins war eine praxisorientierte Wissenschaft, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen hatte. "Die Nationalökonomie ist heute nur Wissenschaft, sofern sie sich zur Gesellschaftslehre erweitert und in dem Maße, als sie dies thut", hielt Schmoller 1882 in einer Rezension fest, die jetzt in einem Sammelband seiner methodologischen Schriften Aufnahme fand. In diesem Buch kann man verfolgen, wie Schmoller sich um die Einordnung der Ökonomie in ein kulturwissenschaftliches System bemühte, dessen Zusammenhalt die Gründung auf Erfahrung sein sollte - in Abgrenzung zur auf Gesetzen beruhenden Naturwissenschaft. Im Methodenstreit der Historischen mit der neoklassischen Grenznutzenschule um Carl Menger stand diese These im Zentrum.

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