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Neoliberalismus-Kritik : Bleibt also nur noch die Revolte?

  • -Aktualisiert am

Leben wir in einem „Gefängnis des Markts“? In Tokio spiegeln sich Fußgänger in einer Anzeigetafel, auf der Aktienkurse zu sehen sind. Bild: Reuters

Der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl sucht in „Der Souveränitätseffekt“ die Wurzeln neoliberalen Übels und findet sie in der Auslieferung des Staates an private Akteure. Doch vergisst er dabei einige Kleinigkeiten

          Wenn die Ergebnisse einer kleinen wissenschaftlichen Disziplin, in diesem Fall der Wirtschafts- und Finanzgeschichte, in einem anderen disziplinären Kontext großes Gewicht erlangen, ist das erfreulich. Und in der Tat, die Argumentation im soeben erschienenen Buch des Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl ist weitgehend zumindest wirtschaftshistorisch inspiriert, auch wenn es nicht von wirtschafts- und finanzgeschichtlichen Fragen im eigentlichen Sinn handelt. Das Buch ist vielmehr zeitdiagnostisch angelegt. Vogl geht es um nicht weniger als die Aufdeckung der Ursachen der gegenwärtigen Finanzmalaise, die für ihn Ausdruck eines (neo-)liberalen Wahns ist, der mit der Konstitution der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung ursächlich verknüpft ist.

          Diese bekannte Gedankenfigur geht nicht zu Unrecht davon aus, dass die Entstehung und Durchsetzung des Institutionensets der gegenwärtigen Wirtschaft in maßgeblicher Weise von der im achtzehnten Jahrhundert sich herausbildenden ökonomischen Semantik bestimmt wurde. Sie freilich ist für Vogl nicht ein unbestrittener Fortschritt ökonomischen Wissens, sondern letztlich Camouflage der realen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse, die hinter den Erzählungen von der Trennung von Politik und Wirtschaft, der Souveränität des Staates und der Effizienz der Märkte bloß verborgen werden. Denn weder gebe es heute eine umfassende staatliche Souveränität noch eine klare Trennung von Politik und Wirtschaft, die im Gegenteil stets durch „seignioriale Akteure“, vor allem Bank- und Finanzhäuser, miteinander verknüpft gewesen seien.

          Diese Akteure, namentlich die seit dem späten sechzehnten Jahrhundert entstehenden Zentralbanken, nun bilden einen der wesentlichen Gegenstände von Vogls Argumentation. Sie hätten stets, als „Zwänge des Markts“ verbrämt, die Logik partikularer Interessen vertreten, ja seien in ihrer teils staatlichen, teils privaten Struktur geradezu deren institutioneller Ausdruck. Die Bank von England und die Federal Reserve, die in der Tat eine eigentümliche Kombination von öffentlichem und privatem Eigentum bilden, stehen in Vogls Argumentation hierfür, vor allem dann aber die Bundesbank, die für ihn der geradezu kristalline Ausdruck der Logik des Marktes in Gestalt einer öffentlichen Institution war - und deren Erbschaft sich in der EZB finde.

          Der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl

          Diese Akteure hätten einen wesentlichen Teil der Finanzierung des Staates nicht nur kontrolliert, sondern auf diese Weise den Staat in die Logik des Marktes hineingezogen, der gegenüber er gerade nicht souverän gewesen sei. Durch die Liberalisierung der Finanzmärkte seit den siebziger Jahren seien die „seignioralen Akteure“ - zu ihnen rechnet Vogl etwa 150 Konzerne - schließlich jeder Kontrolle entglitten. Entstanden sei ein unkontrollierter und unkontrollierbarer „Finanzialisierungskomplex“. Die Gegenwart lebe in einer Art „Gefängnis des Marktes“, die Demokratie bilde nur noch den Rahmen des politischen Handelns, dessen Substanz sich unter dem Diktat der Finanzmärkte längst der öffentlichen Deliberation und der demokratischen Entscheidung entzogen habe. Die „Finanzialisierung“ der Welt wird von Vogl als umfassender Vorgang beschrieben: Keine Region der Welt, kein Handlungsfeld sei ihr entzogen.

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