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Rezension: Hörbuch : Fisch entschwommen

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Als er, gerade geboren, die Hebamme in Augenschein nahm, die ihn ihrerseits in Empfang genommen hatte, war er "sprachlos": Er hatte diese Frau in seinem ganzen Leben noch nie gesehen. Er war nicht das einzige Kind seiner Eltern, sondern "eines von fast mehreren".

          Als er, gerade geboren, die Hebamme in Augenschein nahm, die ihn ihrerseits in Empfang genommen hatte, war er "sprachlos": Er hatte diese Frau in seinem ganzen Leben noch nie gesehen. Er war nicht das einzige Kind seiner Eltern, sondern "eines von fast mehreren". Er hatte neben seinen Eltern auch noch Geschwister, "eine riesige Menge" - "drei Brüder und fünf Geschwister". Wenn er seinen Vater und seine Mutter dazurechnete, waren es "zehn Stück Personen". Von der Herstellung und der Erziehung durch seine Eltern hat er nicht viel gemerkt, er wuchs halt, den Naturgesetzen folgend, so allmählich heran, denn wäre er nicht gewachsen, wäre er "ein Liliputaner" geworden, und darauf hatte er keine Lust, er wollte "Frauenarzt" werden und viel sehen in der Welt.

          Karl Valentin, der sich diese frühe Kindheit in der 1946 für die Schallplatte aufgenommenen Programmnummer "Das Interview" zurechtlegte, wurde im wirklichen Leben am 4. Juni 1882 in der Münchner Vorstadt Au als Sohn des hessischen Spediteurs Johann Christoph Fey und dessen sächsischer Gattin Maria Johanna geboren. Da die drei älteren Geschwister kurz nach seiner Geburt starben, wuchs er als Einzelkind auf. Frauenarzt ist er sowenig geworden wie Liliputaner, dafür asthmatisch schwach auf der Brust und schrecklich mager bis horrend dürr. In der Welt ist er mit Ausnahme von Berlin nicht viel herumgekommen, angeblich hat er 1926, auf der Höhe seines Ruhms, ein Angebot aus Hollywood ausgeschlagen, weil er sich vor der Überfahrt fürchtete.

          Dieses Gerücht wird von Michael Schulte, Valentins höchst seriösem Biographen, naturgemäß nicht noch einmal kolportiert, denn Michael Schulte hält sich konsequent an das Verbürgte. Wenn aber das Verbürgte versammelt ist, darf man es deuten und werten. "Karl Valentin", so heißt, in Anlehnung an eine Bemerkung des noch sehr jungen Bertolt Brecht, die wertende Deutung dann, "ist der Charlie Chaplin des Wortes. Verfängt sich Chaplin hoffnungslos in einer Drehtür, so verheddert sich Valentin gleichermaßen in den Tücken der Sprache."

          Ziemlich hochgehängt, möchte man meinen. Aber der Mann hat recht. Und er liefert für seine steile These zudem über sieben Stunden hinweg einen Beleg nach dem anderen. "Das Leben des Karl Valentin" von Michael Schulte, dessen biographischem Essay der wunderbare Schauspieler Walter Schmidinger seine sonore Stimme leiht, ist auf solche Weise zu einer ganz und gar altmodischen Radiosendung geworden. Sie verbindet Originalaufnahmen des Originalgenies Valentin mit langwierigen, aber nie langatmigen Erörterungen über den sozialen Ort seiner Kunst, über die Abgründe seines Charakters und das gesellschaftliche Klima seiner Zeit. Daß so etwas Sorgfältiges in der Zeit der Sekundenfeatures überhaupt noch produziert wird, ist schon Wunder genug. Daß es dann auch noch so unwiderstehlich gelingt, ist bares Glück. Bare Selbstverständlichkeit ist es deshalb, daß die Jury von Hessischem Rundfunk und Börsenblatt die auf sieben CDs gepreßte Hörfassung des Radioprogramms postwendend zum Hörbuch des Monats Juli befördert hat - aber auch Selbstverständliches will, man kennt ja Jurys, erst einmal zustande gebracht sein.

          Karl Valentin erzählt eine Episode aus der Geschichte seines Aquariums: "Aus Unvorsichtigkeit hab' ich kürzlich das Aquarium mit Wasser nachgefüllt, hab' aber leider zuviel Wasser hineingeschüttet und zwar soviel, daß das Wasser fast vier Zentimeter über das Aquarium herausragte. Über Nacht ist natürlich dadurch ein Fisch über das Aquarium hinausgeschwommen und stürzte auf den Fußboden hinunter. Unglückseligerweise haben wir gerade in dem Zimmer, wo das Aquarium steht, einen Fußboden. Am andern Morgen lag der Fisch bewußtlos am Boden. Der herbeigeeilte Tierarzt meinte, fließendes Wasser wäre die einzige Rettung. Wir haben den Rat des Arztes gleich befolgt, haben den Fisch in die Isar geworfen und sofort ist er wieder geschwommen, isarabwärts. Die Isar war groß, der Fisch klein. Ich hab' ihm gepfiffen, geschrieen, der Fisch hat mich nicht mehr gehört, weil er unterm Wasser geschwommen ist. Wer weiß, wo der Fisch heute ist? Ich hab' in der Zeitung annoncieren lassen: ,Fisch entschwommen, abzugeben bei Karl Valentin, München.'"

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