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Rezension: Hörbuch : Fisch entschwommen

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Der Monolog stammt aus den Jahren 1907/08. Er war die Rettung eines bis dahin komplett erfolglosen "Musikal-Phantasten", der sich nach einer Schreinerlehre, einem kurzem Besuch der Münchner Varietéschule und der gelungenen Liquidierung der väterlich ererbten Speditionsfirma ein sechs Zentner schweres Orchestrion gebaut hatte. Die Tournee, auf die er damit ging, war eine Katastrophe, der Apparat blieb mangels Zahlungskraft des Artisten in Berlin zurück. Aber mit dem "Aquarium" begann nun seine große Zeit - eine Epoche zudem, die bis auf die Text-, Ton- und Filmdokumente, die wir von ihm besitzen, zur Gänze untergegangen ist.

Michael Schulte setzt auch ihr ein Denkmal, indem er Valentins Karriere in den Zusammenhang mit den Volkssängern der Münchner Singspielhallen stellt - und von ihr absetzt. Was der "Don Quijote" für den Ritterroman, war Valentin für den Humor der Volkssängertradition: ein Beender. Und doch hat er, der den Humor durch eine Komik ersetzte, die ihrerseits das aburde Theater vorwegnahm, das soziale Umfeld, im dem diese Tradition wurzelte, im Grunde nie verlassen: die Bierlokale und die Spielstätten der kleinen Leute, in denen, um den etablierten Volkstheater nicht zu schaden, nur Einakter gespielt werden durften und in denen während der Vorstellungen selbstredend gegessen, geraucht und, wenn nötig, auch geprügelt wurde.

Die große Zeit des Karl Valentin freilich ist ohne Liesl Karlstadt nicht zu denken. 1909 hatte er sie, die bürgerlich Elisabeth Wellano hieß und eine durchschnittliche Soubrette war, zur Komik bekehrt - und fortan mit ihr, neben seiner Ehe, ein Lebens- und Produktionspaar gebildet. Es war, bis zu den allabendlichen Variationen der immergleichen Dialoge und Stücke, eine emphatische Symbiose, die die beiden wagten. Sie ging letztlich auf Kosten der Karlstadt, die wider besseres Wissen nicht nur ihre Ersparnisse in sein "Panoptikum", eine Art Groteskmuseum, steckte, sondern auch seine Hypochondrie und fundamentale Misanthropie auszuhalten hatte. Aber gewonnen hat auch sie. Die Trockenheit, mit der sie auf Valentins verschlungenen Wörterunfug replizierte, die Vernunftargumente, die sie seinen Gedankenungetümen entgegensetzte, machten sie zu weit mehr als einer Bühnenpartnerin. Und das herrlichste Wortungeheuer in Valentins Werk blieb ihr vorbehalten: Jenes "Isopropilprophenmilbarbitursauresphenildimethildimenthylaminphirazolon", das sie als Apotheker dem ratlosen Vater schließlich mit auf den Weg gibt, nachdem der auf die Frage, was seinem Kind denn fehle, geantwortet hat: "Dem Kind fehlt die Mutter."

Im Jahr 1935 erlitt Liesl Karlstadt einen Nervenzusammenbruch. Manchmal sind die beiden auch nach ihrer leidlichen Genesung noch zusammen aufgetreten, er, Valentin, konnte mit der fünfunddreißig Jahre jüngeren Annemarie Fischer noch einige verbalakrobatische Glanznummern in seinem eigenen Etablissement, der "Ritterspelunke", auf die Bühne bringen. Aber seine große Zeit war spätestens mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs vorbei. Und sein Ende, am Rosenmontag des Jahres 1948, war so kläglich wie sein Nachruhm seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verdientermaßen enorm.

Ein Gutes hatten die Kriegsjahre, in denen Valentin nicht mehr öffentlich auftrat: Er hat mit der Karlstadt damals sehr viele Szenen und Sketche im Studio aufgenommen - und dadurch gerettet. Sie vor allem sind der Fundus, aus dem Michael Schulte seine Originaltöne bezieht. Und in seiner prächtigen Valentin-und-Karlstadt-Enzyklopädie kann man sie nun alle hören, die Klassiker des Duos ebenso wie Szenen in größerer Besetzung. Der "Buchbinder Wanninger", die Sitzung im "Verein der Katzenfreunde", der wahrhaft philosophische Dialog über den "Zufall", den "Firmling", den "Notenwart", das "Brillantfeuerwerk" - konserviert zumindest für die mittlere Ewigkeit.

Einmal kocht Liesl Karlstadt einen Hasenbraten. Karl Valentin findet derweil ein Haar in der Suppe: sie ist zu heiß oder zu kalt, nie jedenfalls richtig Suppe. Im Streit darüber verbrennt der Hase in der Backröhre - und Liesl Karlstadt bringt die Manie ihres Gegenüber auf den Punkt: "Er bohrt immer wieder in dasselbe Loch hinein!" Dieses unermüdliche Bohren in den Löchern der Sprache hat Valentin unvergleichlich praktiziert: Liebe Hörbuchhorcher und -horcherinnen, kann man da in Abwandlung seiner Radiobegrüßungen nur sagen, es ist angerichtet!

JOCHEN HIEBER

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